Indien Reise Teil 2

22 Feb 2013 Von Kommentare: Kommentare deaktiviert für Indien Reise Teil 2 Reisen, Sonstiges

Silvia Maria Engl

Der 2. Teil der Indien-Reise von Silvia Maria Engl vom 17.2.2013:

Gerade eben habe ich, ein weiteres Mal, meinen Rucksack gepackt. Es geht weiter nach Hardiwar heute Nachmittag, ab jetzt alleine. Die Umstellung ist bestimmt erst mal groß, war Didi mir doch eine wunderbare Begleitung in den letzten sechs Wochen! Er sitzt eben im Flieger von Abu Dhabi nach Deutschland und ich wünsche ihm ein gutes Ankommen und vor allen Dingen: einen gesegneten Appetit!

Seit wir in Nordindien angekommen sind, plagt uns beide der klassische Indienreisendedurchfall, glücklicherweise in relativ milder Form (ich fühle mich körperlich zumindest einigermaßen fit). Seit gestern Abend nehme ich nun auch etwas anderes als Kohle (die mir ohnehin ausgegangen ist) und ich hoffe, dass ich bis zum Start meiner Yogaashramphase nächste Woche in Rishikesh wieder ganz fit bin. Ja, so fängt man an von Dingen zu träumen, die bei uns in Deutschland selbstverständlich sind, zum Beispiel alles essen zu können, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob es einen krank macht oder nicht. Doch was für Sorgen sollen das sein? Hier auf den Straßen liegen Menschen, die Krankheiten haben, die bei uns nur noch als Mythen erhalten sind.

Ja, ich habe hier schon Leprakranke gesehen. Gerade gestern erst ging ich an einer Frau vorüber, die ihren verfaulenden Bauch offenlegt beim Betteln, wohl in der Hoffnung, so mehr Geld zu bekommen. An ihr strömen täglich Hunderte vorbei beim Shoppen in den hiesigen Markenläden. Und doch merke ich, dass langsam eine Art Gewöhnung an diese Anblicke einsetzt. Ich versuche jedoch, mich genau zu beobachten, denn schnell kann diese Gewöhnung in Kälte umschlagen und das möchte ich nicht.

Wenigstens konnte ich schon zwei Menschen mit eurem Geld helfen. Und ich bitte darum, dass noch mehr zu mir geführt werden. Dank eurer Spenden habe ich noch was in der Tasche, um zu helfen! Der erste, kleinere Beitrag (aus unserer Sicht) ging an einen überaus liebenswerten Mann und seine Ehefrau, die aus Kashmir stammen, aber auf Goa leben. Er arbeitet seit zwei Jahren quasi durch, um das Geld für eine Operation zusammen zu bekommen, die scheinbar ihre Unfruchtbarkeit beseitigen können soll. Beide wünschen sich so sehr ein Baby und so hat er alles daran gesetzt, die 40000 Rupien (ca 570 Euro) zusammenzusparen. Ihr hättet ihn sehen sollen! Ein Bündel an Energie und Lebensfreude, der niemals klagen würde. So was von sympathisch und liebenswert. Als ich gegen Ende meines Aufenthaltes dort von seiner Geschichte erfuhr, wusste ich, dass ich hier richtig bin. Ich fragte ihn, ob er Hilfe brauche. Doch lächelnd verneinte er, er habe das Geld nun bald beisammen. Keine Spur davon, dass er sich von mir irgendetwas erhoffen würde. Was ich tat, war, ihm zum Schluss ein „Trinkgeld“ von 1000 Rupien zu geben (ca 14 Euro), was er fassungslos, aber unendlich dankbar annahm. Mehr hätte er nicht annehmen können und wollen, er war so schon ganz hin und weg. Abends, als wir fuhren, wartete er wohl eine Dreiviertelstunde an der Straße, um uns nochmal abzupassen und uns seine Frau vorzustellen. Sie hatten mir ein kleines Geschenk machen wollen als Dank für dieses großzügige Geschenk.

Ach Kinder, ich wünschte, ich könnte mit euch das Gefühl, die Gefühle teilen, die entstehen, wenn man in solche Gesichter blickt! Und das bei Summen, für die wir gerade mal ins Kino gehen.

Die zweite schicksalhafte Begegnung erfolgte in Varanasi, eine der heiligen Städte Indiens (das Mekka der Hindhus). Das könnt ihr hier nachlesen:
gedanken-befluegeln.de, „Heilig und hässlich, Teil 1 und 2“.

Ich habe Rakis 10000 Rupien gegeben. Damit kann er die Restschulden der OP für seine Großmutter abbezahlen und nach Hause fahren. Geld hätte ich genug, um ihm mehr zu geben. Doch gilt es auch, mich auf mein Gefühl zu verlassen. Diese Summe stimmte, sie war richtig, warum auch immer.

Hier Gutes zu tun, ist schwieriger als gedacht. Zum einen sieht man Elend überall. Doch wo erreiche ich die Menschen und wo ginge es in die Hände von organisierten Bettlern? So habe ich den Versuch, etwas herbeiführen zu wollen, losgelassen. Ich bete dafür, dass die Menschen begegnen, für die die Hilfe bestimmt ist. Und dass ich sie verstehen kann. Denn ohne Englisch oder Übersetzung kann ich nicht wissen, worum es geht. Bisher hat es zwei Mal funktioniert und ich bin mir sicher, dass die Serie weitergeht. Gerade gestern bin ich auf ein Kloster gestoßen in der Nähe von Haridwar, die sehr sinnvolle, nachhaltige soziale Projekte zu haben scheinen. Vielleicht kann ich morgen dorthin fahren.

Was die Reise angeht, so war sie riesig. Wir landeten in Trivandrum und reisten die Westküste hinauf bis Mumbai, dann ein Inlandsflug nach Varanasi (allein der Flug dauerte 2 Stunden und ist noch nicht einmal das andere Ende des Landes!) und vor dort nach Allahabad, wo ihr alle was von in den Nachrichten gehört habt. Die Kumbh Mela, die wir erlebten, war aber sehr friedlich und es war einfach nur beeindruckend, was die Inder dort auf die Beine stellen. Aus Schwemmland machen sie in relativ kurzer Zeit eine Stadt für 15 Millionen Menschen und es funktioniert, das ist das Verrückte! Am Hauptbadetag, dem 10.2., waren geschätze 30 Millionen Menschen da. Eine Atmosphäre, unbeschreiblich! Ich fühlte mich wie in einem Bienenkorb, aber einer, der kontrolliert und friedlich war. Bei uns gäbe es massig Ausschreitungen, nicht zuletzt, weil bei uns immer irgendwo Alkohol im Spiel ist. So aber kamen und gingen die Menschen. Solche Bilder kannte ich bisher nur aus den Nachrichten von Flüchtlingslagern in Afrika. Menschen mit Paketen auf den Köpfen, die von den frühen Morgenstunden in Scharen einströmen bis tief in die Nacht, ohne Unterlass. Dass die Abreise im Chaos endete, war tragisch, aber irgendwo auch wieder nicht weiter verwunderlich. Wer in diesen Massen (und der Inder schubst wahrlich gern, nicht böse gemeint) auf den Boden fällt, steht nicht mehr auf.

Doch davon erfuhr ich erst am nächsten Tag aus der Zeitung. Wir kamen sehr einfach aus der Stadt und ich kann meinen himmlischen Begleitern nicht genug danken für all das, was sie hier für mich, für uns leisten!!! Alles läuft wie am Schnürchen und (bis auf meine Magendarmsache) ich bin bisher fit und fröhlich.

Wer sich mal eine Indienkarte ansieht, wird die Strecken sehen, die wir zurückgelegt haben. Dabei sind Kilometer hier nicht zu verstehen als unsere Kilometer. Für die Strecke Allahabad-Lucknow (ca. 210km) brauchten wir etwa sieben Stunden mit dem Auto. Und das, obwohl die Fahrer hier wahre Kamikazefahrer sind. Straße ist eben nicht Straße.

Was macht nun dieses Land mit mir? Es zeigt mir, wo ich stehe und es zeigt mir, wo ich hin will. Zumindest in Sachen Geduld und Annehmen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Reise jetzt mache und nicht vor fünf Jahren, da wäre ich sicherlich mehr als einmal „Amok“ gelaufen, alleine wegen des vielen Lärms. Doch heute geht das ganz gut. Meistens bin ich in meiner Mitte. Und wenn nicht, weiß ich, was ich tun kann, um wieder dorthin zu gelangen. Ich erkenne meinen Reichtum, meinen Wohlstand und wie überaus reich mich das Leben beschenkt, täglich auf’s Neue. Ich lerne, dies dankbar anzunehmen, ohne schlechtes Gewissen, weil es anderen schlecht geht. Das eine bedingt nicht das andere. Anders zu empfinden würde bedeuten, das, was ich glaube, zu verleugnen.

So breche ich heute einmal mehr auf, hinauf Richtung Norden zu den Ausläufern des Himalaya. Auf mich warten viel mehr Ruhe als in den letzten Wochen, innere Einkehr und sicherlich auch Begegnungen, die es wert sein werden, euch davon im März zu berichten.

Von HERZen die besten und liebsten Grüße aus Neu Delhi, der Hauptstadt Indiens
Eure, Ihre Silvia Maria Engl

Beitragsbild: Fololia.de + Bild von Silvia Engl

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