Eines Tages Baby, werden wir alt sein

24 Jan 2014 Von Kommentare: 7 Medien, Spirituelle Literatur

Bielefelder Hörsaalslam

Das wunderschöne Gedicht von Julia Engelmann im Rahmen des Bielefelder Hörsaalslam „in Textform“; das Youtube-Video wurde bisher bemerkenswerterweise knapp 4 Mio. mal geteilt und wird seitdem von sämtlichen Mainstream-Medien kommentiert:

Eines Tages Baby werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Ich bin der Meister der Streiche wenn’s um Selbstbetrug geht, bin ein Kleinkind vom Feinsten, wenn ich vor Aufgaben steh. Bin ein entschleunigtes Teilchen, kann auf keinsten was reißen. Lass mich begeistern für Leichtsinn, wenn ein anderer ihn lebt.

Und ich denke zu viel nach. Ich warte zu viel ab. Ich nehm mir zu viel vor und ich mach davon zu wenig. Ich halt mich zu oft zurück, ich zweifel alles an, ich wäre gerne klug – allein das ist ziemlich dämlich. Ich würd‘ gern so vieles sagen, aber bleibe meistens still, weil wenn ich das alles sagen würde, wäre das viel zu viel. Ich würd gern so vieles tun. Meine Liste ist so lang, aber ich werd‘ eh nie alles schaffen – also fang‘ ich gar nicht an.

Stattdessen häng ich planlos vorm Smartphone, wart‘ bloß auf den nächsten Freitag. „Ach, das mach‘ ich später“ ist die Baseline meines Alltags. Ich bin so furchtbar faul wie ein Kieselstein am Meeresgrund. Ich bin so furchtbar faul, mein Patronos ist ein Schweinehund. Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf. Mein Dopamin, das spar ich immer, falls ich’s nochmal brauche.

Und eines Tages Baby, werd ich alt sein. Oh Baby, werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.

Und du? Du murmelst jedes Jahr neu an Silvester die wieder gleichen Vorsätze treu in dein Sektglas und Ende Dezember stellst du fest, dass du Recht hast, wenn du sagst, dass du sie dieses Jahr wieder vercheckt hast. Dabei sollte für dich 2013 das erste Jahr vom Rest deines Lebens werden. Du wolltest abnehmen, früher aufstehen, öfter rausgehen, mal deine Träume angehen, mal die Tagesschau sehen für mehr Small Talk, Allgemeinwissen. Aber wie jedes Jahr, obwohl du nicht damit gerechnet hast, kam dir wieder mal dieser Alltag dazwischen.

Unser Leben ist ein Wartezimmer. Niemand ruft uns auf. Unser Dopamin, das sparen wir immer, falls wir’s nochmal brauchen. Und wir sind jung und haben viel Zeit. Warum sollen wir was riskieren? Wir wollen doch keine Fehler machen. Wir wollen auch nichts verlieren und uns bleibt so viel zu tun. Unsere Listen bleiben lang und so geht Tag für Tag ganz still ins unbekannte Land.

Eines Tages Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Und die Geschichten, die wir dann stattdessen erzählen werden traurige Konjunktive sein wie: Einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen. Und hätte fast die Buddenbrooks gelesen. Und einmal wäre ich beinahe bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen. Und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehen, wir sind die Gleichen. Und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten. Werden wir sagen.

Und, dass wir bloß faul und feige waren – das werden wir verschweigen und uns heimlich wünschen, noch ein bisschen hier zu bleiben, wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp – und das wird sowieso passieren – dann erst werden wir kapieren, wir hatten nie was zu verlieren. Denn das Leben, das wir führen wollen – das könn´ wir selber wählen. Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen.

Lass uns nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigen, lachend und vom Takt frei die tollsten Lieder singen. Lass uns Feste, wie Konfetti schmeißen. Sehen wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind. Und lass mal an uns selber glauben. Is‘ mir egal, ob das verrückt ist und wer genau kuckt, sieht, dass Mut bloß auch ein Anagramm von Glück ist. Und, wer immer wir auch waren – lass‘ mal werden, wer wir sein wollen. Wir haben schon viel zu lang gewartet. Lass mal Dopamin vergeuden.

„Der Sinn des Lebens ist leben“ – das hat schon Casper gesagt. „Let’s make the most of the night“ – das hat schon Kesha gesagt. Lass uns möglichst viele Fehler machen und möglichst viel aus ihnen lernen. Lass‘ uns jetzt schon Gutes säen, damit wir später Gutes ernten. Lass uns das alles tun, weil wir können und nicht müssen. Weil jetzt sind wir jung und lebendig und das soll ruhig jeder wissen.

Und unsere Zeit, die geht vorbei – das wird sowieso passieren. Und bis dahin sind wir frei und es gibt nichts zu verlieren. Lass‘ uns, uns mal demaskieren und dann sehen, wir sind die Gleichen. Und dann können wir uns ruhig sagen, dass wir uns viel bedeuten, denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen.

Also los! Schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen. Und eines Tages Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.

7 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Lumina sagt:

    Ich habe dieses Video schon früher gesehen, es wurde überall bekanntgemacht, meist mit dem Zusatz: „Dieser Auftritt könnte Ihr Leben verändern“.

    Julia Engelmann hat ganz sicher einen Lebensnerv getroffen, und das nicht nur bei Jugendlichen. Dieses „Hätte ich doch“-Gefühl kennen viele Menschen. Aber wer lebt wirklich im Hier und Jetzt und verwirklicht seine Ziele?

    Besonders Jugendliche, jedenfalls die intelligenteren von ihnen , scheinen verstärkt und selbstkritisch das moderne Leben und ihre Rolle darin zu hinterfragen. Nur frage ich mich, ob die Wirkung dieses Videos wirklich so nachhaltig sein wird. Ich glaube der wirkliche Respekt und Applaus gehört denjenigen, die diese Worte auch wirklich leben. Die Menschen, die an sich glauben, die einmal etwas gewagt,- ihre Geschichte gefunden haben und eines Tages davon erzählen.

    Immerhin ist es dieses Poetry Slam- Video ein Anstoß zur Bewusstwerdung und die frische und sympathische Art des Vortrags hat mir gut gefallen.

    Liebe Grüße von Lumina

  2. 2
    Alex Miller sagt:

    Liebe Lumina,
    ich sehe das genauso wie du.
    Durch die rasendschnelle Verbreitung wird es bestimmt viele Menschen, hauptsächlich die jüngeren, zum Nachdenk anregen. Neugierige 20-jährige werden kaum auf Vorträge von Robert Betz gehen oder sich Bücher von P´tah kaufen (zumindest die wenigsten), sie benötigen andere Plattformen um ihre andere Seite ansprechen zu lassen – als dies Pädagogen oder Firmen (Werbung) je tun könnten/würden.
    Herzliche Grüße
    Alex

  3. 3
    Silvia sagt:

    Wunderbar! Danke. Der Weg des Umsetzens ist sicher ein langer, steiniger manchmal. Aber wie heisst es doch so schön: „eine Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“ Nur schon mal das Bewusst machen der Absicht, das Sehen, dass das Alte nicht befriedigend ist, ist die beste Voraussetzung um den ersten Schritt setzen zu können. Wenn der Stein einmal ins Rollen gekommen ist, lässt er sich kaum aufhalten. Aber oft bleibt dieser Stein eckig am Boden liegen, unfähig sich zu bewegen. Da packt mich die Neugier und ich suche und frage nach dem Warum. Wer hält die unsichtbaren Fäden der Marionette in der Hand und lässt manchen wie ein gesichtslose Puppe durchs Leben wandeln, immer abhängig davon, wer grad an den Fäden zieht? Und was muss geschehen, bis man merkt, dass man diese Fäden einfach durchschneiden könnte? Oder aber die andere Frage: „Wollen wir womöglich gefangen sein und haben Angst vor der Freiheit?“
    Einen schönen Tag euch, Silvia

  4. 4
    Lumina sagt:

    LIebe Silvia !
    Ich glaube dieses reine Bewusst-Machen, was von außen kommt, wird noch keine durchgreifende Änderung bringen. Im Grunde wissen doch schon so viele Menschen , dass es noch ein anderes, freieres Leben außerhalb der gesellschaftlichen Normen gibt. Aber ändert sich wirklich etwas in der Gesellschaft? Es ist m.E. nur möglich, Menschen, die kurz davor stehen, eine Art Quantensprung zu machen, zu erreichen. Alle anderen schlafen ruhig weiter…

    Zitat : „…. lässt manchen wie ein gesichtslose Puppe durchs Leben wandeln, immer abhängig davon, wer grad an den Fäden zieht?“….
    Ich denke, es ist die Bequemlichkeit!

    Zitat: “ …. Und was muss geschehen……“
    Da meine ich, der Leidensdruck muss bei den meisten Menschen so stark werden, dass ein Umdenken und ein selbstbestimmtes und bewusstes Handeln erfolgt.

    Zitat: „…Wollen wir womöglich gefangen sein und haben Angst vor der Freiheit?”…
    Freiheit beeinhaltet auch Verantwortlichkeit und es ist sicher bequemer, sich als ein Opfer zu fühlen. Traurig, aber wahr!
    Liebe Grüße von Lumina

  5. 5
    einfachnursein sagt:

    Original:
    http://www.youtube.com/watch?v=KRAMNWzfjcg

    …herzensgrüsse

    @Lumina…schön dich zu „sehen“
    @Alex….tolles online magazin, danke

  6. 6
  7. 7
    Alex Miller sagt:

    Danke, „Einfachnursein“, das freut mich 🙂

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