Asien, Karaoke, Business, Yin und Yang

17 Feb 2014 Von Kommentare: 2 Reisen, Sonstiges

Der indische Gott Murugan

Meine erste Reise außerhalb Europas führte mich nach Malaysia, es ist das Land der Orchideen, des Pfeffers und der verschiedenen Völker und Religionen. Neben 60% Moslems leben dort hauptsächlich Hindus (Inder), Buddhisten (Chinesen) und Christen (sämtliche ethnische Gruppen). Nach dem Gesetz sind alle ethnischen Malaien von Geburt an automatisch Muslime. Einige der Chinesen sind auch dem Daoismus und Konfuzianismus zugehörig. Malaysia ist ein Vielvölkerstaat und für ein muslimisches Land „relativ“ offen und tolerant. Erschreckend jedoch, wie schnell der Kapitalismus auch hier voranschreitet. Wo in der Hauptstadt Kuala Lumpur noch vor 15 Jahren gemütliche Garküchen und Bars zu finden waren, die zum Verweilen einluden, dominieren jetzt riesige Büro-Hochhäuser und Shopping Malls die Szenerie. In der City angekommen, wird man von Starbucks, Channel und H&M zum Konsumieren eingeladen. Riesige Baustellen an jedem Eck.

Die opulenten Glaspaläste könnten auch in Europa, USA oder anderswo stehen, asiatisches Flair sucht man vergebens, bzw. nur in geringem Ausmaß. Alles sieht gleich aus. Günstiger als in Deutschland sind die Produkte von Sony, Samsung und Tommy Hilfiger in den Shopping Centern deswegen auch nicht. Größer, schneller, weiter ist mittlerweile auch hier das Motto, zumindest in den asiatischen Großstädten, wo es um Geschäfte geht. Dafür sind die Menschen sehr zuvorkommend und freundlich, wenigstens die Ellenbogenmentaliät scheint nicht so verbreitet zu sein wie bei uns.

Chinatown

CChinatown in Kuala LumpurSicher gibt es noch die kleinen Paradiese inmitten der Großstadt, die man als Europäer kaum finden kann, aber von den Einheimischen als Rückzugsorte und Plätze der Gemeinschaft und Gesellschaft bevorzugt werden. Chinatown in Kuala Lumpur, welches im Verhältnis zu den bekannten China Towns in den USA mickrig erscheint, ist so ein Rückzugsort, auch wenn es hier sehr geschäftig zugeht. In Hinterhöfen sind feine, kleine und einfache Restaurants, die frisches und günstiges Essen anbieten und ein Flair vermitteln, dass man vom ersten Moment an sympathisch findet. Das Risiko, mir durch das Essen eine Infektion einzuhandeln, war mir dann doch etwas zu groß, zumal ich mich vor der Reise nicht impfen ließ und frische Eier sowie rohes Fleisch, die in der Sonne standen, nicht gerade vertrauenerweckend wirkten. In den Straßen Chinatowns gibt es kopierte Markenprodukte „en masse“, sie lassen sich problemlos um mehr als die Hälfte herunterhandeln. Was bei uns kriminell ist, gehört dort zum legalisierten Alltag – weitgehend zumindest. Die Verkäufer waren allesamt sehr freundlich. Unser Taxifahrer warnte uns jedoch vor dem Besuch des chinesischen Viertels, wir sollten gut auf unsere Taschen aufpassen.

Was ist mit Yin und Yang

Die Mentalität der asiatischen Geschäftsleute hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. War man vor vielen Jahren noch an langfristigen Geschäftsbeziehungen interessiert, so zählt heute auf dem ersten Blick nur noch das schnelle Geld. Der Gedanke von Yin und Yang hat in der asiatischen Mentalität weitgehend ausgedient, was sehr schade ist, angesichts der so vielen wunderbaren und bewusstseinsöffnenden asiatischen Weisheiten, die aus dem Zen kommen, dem Buddhismus und dem Taoismus. Doch wenn man die Chinesen direkt, aber diskret darauf anspricht, kommt man gut ins Gespräch über die Harmonie und die Balance zwischen Yin und Yang, zwischen Körper und Seele, wie sie darauf achten und wie dies Teil ihrer Tradition ist. Sie stellen dies nur nicht so zur Schau, was für sie spricht. Dennoch habe ich die Befürchtung, dass die ursprünglichen Werte von der westlich geprägten Lebensweise langsam abgelöst werden, ausgehend vom Wettlauf ums Geld, von dessen Kuchen jeder ein Stück abhaben möchte. Der westlichen Welt wird hier nachgeeifert, in Kuala Lumpur ist man stolz dass Spiderman im gleichnamigen Film den Petronas-Towers emporstieg. In den vollständig klimatisierten Zügen ist das Smartphone Begleiter Nr. 1 der Leute. Eine künstliche westlich-angehauchte Kultur tritt schleichend an die Stelle jahrtausendealter Tradition. Je lauter, schriller und aufdringlicher, desto besser das Credo der erfolgreichen, asiatischen Geschäftsleute. Karaoke im alkoholisierten Zustand ein Muss! Aber zugegeben… es ist lustig!

Hochhäuser_720

Der Indian Temple

Eigentlich wollten meine Kollegin aus Istanbul und ich zum Bird-Park, aber der indische Taxifahrer, den wir an den Petronas-Towers ausfindig machten und der uns während der Fahrt durch Kuala Lumpur ununterbrochen Geschichten aus seinem Leben und von der Stadt erzählen sollte, überredete uns zu einem Abstecher zum Indian Temple (siehe auch Beitragsbild oben), bevor wir nach Chinatown durften. Man kann sagen, nicht wir fanden den Taxifahrer, sondern der Taxifahrer fand uns. Am Indian Temple angekommen, vertraute dieser uns und wir vereinbarten einen Treffpunkt und eine Uhrzeit, ohne dass wir ihm vorher eine Anzahlung leisten mussten. Das nenn ich Vertrauen.

Batu Höhlen - Hinduistischer SchreinDer Indian Temple, ca. 15km nördlich von Kuala Lumpur gelegen, ist der Name für mehrere kleine hinduistische Schreine, die sich in den Batu-Höhlen befinden. Die meisten Schreine erzählen die Geschichte vom Sieg des Gottes Murugan über den Dämon Soorapadam. Am Rande befinden sich eine Museums-Höhle und eine Kunstgalerie, in der man zahlreiche Hindu-Statuen und Gemälde besichtigen kann. Die Haupthöhle ist für jedermann frei zugänglich und ist u.a. Heimat vieler kleiner frecher Makaken, die gewitzt den Besuchern ihr Essen aus ihren Händen klauen. Bekannt für den Indian Temple ist die riesige Statue Murugans, 42,7 Meter hoch und 2006 nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt, die sich vor dem Eingang des Höhlensystems befindet. Murugan ist ein hinduistischer Gott und der Sohn Shivas. Der Indian Tempel ist auch Ort für das Thaipusam-Fest, an dem jedes Jahr in der Zeit um Ende Januar, Anfang Februar bei Vollmond heilige hinduistische (teilweise grausame, masochistisch anmutende) Riten stattfinden. Hier gibt es u.a. viele billige und billig-aussehende Souvenirs zu kaufen wie hinduistische Statuen, Räucherstäbchen und Gebetsfahnen. Ein besonderes heiliges oder beruhigendes Gefühl konnte ich beim Besuch des Tempels nicht spüren.

Nach dem Besuch des Indian Temples, ca. 10 Autominuten davon entfernt, bog der indische Taxifahrer in ein schäbiges Gewerbegebiet ab und bot uns an, irgendwelche Waren zu „besichtigen“. Jetzt war uns klar, dass er uns nicht ohne Grund unbedingt zum Indian-Temple fahren wollte. Wir lehnten dankend ab und wurden ohne Murren zur nächsten Sehenswürdigkeit chauffiert. Auch hier wartete er ohne eine vorzeitige Bezahlung, eher wir später zurück zum Hotel kamen und einen einigermaßen fairen Fahrpreis aushandelten.

Bilder: 2012Spirit

Buchtipp
Die großen Götter Indiens: Grundzüge von Hinduismus und Buddhismus (Diederichs Gelbe Reihe)

2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Lumina sagt:

    Zitat : “… Erschreckend jedoch, wie schnell der Kapitalismus auch hier voranschreitet”….

    Alt Tourist liebt man ja die Nostalgie, die Folklore und empfindet sie als wunderschön. Aber die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen, alles verändert sich ständig und Probleme hat es sicher früher auch sehr viele gegeben.

    Ich denke, diese Völker müssen erst einmal die Erfahrungen, die wir,-(hoffentlich bald) ,- hinter uns bringen, überhaupt machen, um dann aus dieser Erkenntnis heraus etwas Sinnvolleres als den Kapitalismus anzustreben.

    Revolutionen haben immer wieder neue Tyrannen hervorgebracht, meiner Ansicht nach muss eine Bewusstseinserweiterung von innen her erfolgen und da glaube ich, haben die asiatischen Völker uns mit ihrer inneren Weisheit und Gelassenheit viel voraus.

    Ein interessanter Reisebericht, danke, lieber Alex.

    Liebe Grüße von Lumina

  2. 2
    Silvia sagt:

    @ Lumina: du bist ja noch früher auf den Beinen als ich 😉
    Lieber Alex
    Schöner Reisebericht. Interessant. Aber es stimmt auch nachdenklich, dass ‚alle‘ der westlichen Kultur nacheifern, während der Westen allmählich (im Schneckentempo) begreift, dass dies nicht das Gelbe vom Ei ist. So fragt man sich, wieso weit reisen, wenn alles nur kopiert ist, der usrprüngliche Spirit kaum mehr zu spüren ist? Oder vielleicht muss man wirklich abseits gehen, in die Hinterhöfe, in die Armenviertel, wo es noch Menschen gibt mit Herz, welche noch traditionell leben und die volle Weisheit in sich tragen, nach deren Begegnung man sagen kann, dass man nun viel mehr ‚mitgenommen‘ hat, als wenn man die Petronas Tower angeschaut hat. Apropos Petronas Tower…toll..!! Nicht nicht nur Spiderman durfte sich an den Towers erfreuen, auch Sean Connery und Catherine Zeta-Jones in „Entrapment“ sind unvergesslich. Ein Diebespaar, zuerst Konkurrenen, dann ein Liebespaar…ok, etwas schnulzig, aber schön und die Bilder unvergesslich.
    Danke Alex für den tollen Bericht.
    Schönen Tag und liebe Grüsse aus der Schweiz – mit den original Chalets, auch wenn alles wie auf einer Postkarte aussieht
    Silvia

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