Tor der Angst

22 Mrz 2014 Von Kommentare: 9 Bewusstsein, Spiritualität

Märchentor

Du weisst nicht, was du tun sollst. Du fühlst dich ohnmächtig, klein und allein. Du weisst nicht vor, du weisst nicht zurück. Also bleibst du stehen. Da ist es sicher, da fühlst du dich beschützt. Da kann dir nichts passieren. Es ist dunkel, morsch, aus durchnässtem Holz. Die alten Eisenscharniere rosten vor sich hin. Es ist verwachsen, eingehüllt von alten Sträuchern mit spitzigen Dornen. Zu spitz, um sich nicht darin verfangen zu können. Das Schlüsselloch scheint verstopft zu sein, womöglich durch einen abgebrochenen Schlüssel. Es scheint nicht passierbar zu sein. Und das ist gut so. Denn so habe ich einen Grund nicht hindurchzugehen.

Da, wo ich jetzt stehe, geht’s mir gut. Es ist alles in bester Ordnung. Vielleicht erwarte ich zu viel vom Leben. Also sollte ich zufrieden sein. Es gibt Menschen, die sind schlechter dran als ich. Es gibt Menschen, die haben alles verloren. Also, was will ich denn? Es geht mir gut. Ich sollte lernen, mit dem was ich habe, zufrieden zu sein. Ich muss an meiner Zufriedenheit arbeiten. Wenn ich erst einmal zufriedener bin, wird auch alles andere gut.

So wird es sein.
Da, wo ich stehe, geht’s mir gut.
Es geht mir gut.
Es geht.
Es muss.
So ist das Leben.

Dieses Tor da, es sieht bedrohlich aus. Das Schlüsselloch ist verstopft. Man scheint nicht hindurchgehen zu können. Der Zugang ist versperrt. Dieses Tor da, es ist alt und dunkel. Es scheint unpassierbar. Es sieht bedrohlich aus. Es macht mir Angst. Es ist das Tor der Angst.
Was kümmere ich mich überhaupt um dieses Tor? Es geht mir ja gut. Also was beschäftigt mich dieses alte, morsche Tor?

Alles ist in bester Ordnung.
Ich lebe ein tolles Leben.
Ohne Hochs und Tiefs.
Es verläuft in geregelten Bahnen.
Ich habe alles.
Andere haben weniger.
Es ist alles in bester Ordnung.
Ich bin zufrieden.
Alles ist gut.
Es ist gut.

Dieses Tor da. Es sieht geheimnisvoll aus. Es weist eine Inschrift auf. Ich versuche mit mei-nen blossen Händen das dunkelgrüne Moos abzukratzen um die Schrift freizulegen. Es riecht erdig, es riecht irgendwie nach Leben. Meine Hände sind voller Erde, doch ich konnte die Inschrift zu einem grossen Teil freilegen. Da steht: „Ich bin das Tor der Angst,…“

Ich schrecke zurück. Ich wusste es! Es ist das Tor der Angst. Also gehe ich da nicht hindurch! Kann ich ja auch nicht, denn der Schlüssel ist abgebrochen. Und zudem, was soll ich auf der anderen Seite des Tores. Es ist alles bestens. Mir geht es gut. Anderen geht es schlechter.
„Ich bin das Tor der Angst,…“ Wie wohl der Satz weitergeht? Es zieht mich magisch an. Dieses Tor. Ich nehme allen Mut zusammen und lege den Rest des Satzes frei. Ich trete einen Schritt zurück. Mein Herz wird plötzlich von einer Wärme durchflutet.

„Ich bin das Tor der Angst, wer durch mich hindurchgeht, wird zum Leben erweckt.“

Aber ich lebe doch bereits. Mir geht es doch gut. Ich habe ja alles. Also, wieso sollte ich durch dieses Tor hindurchgehen? Ich bin geneigt, mich davonzumachen. Doch ich kann es nicht vergessen. Dieses Tor zieht mich magisch an. Doch das Schlüsselloch ist verstopft, ich werde es nicht öffnen können. Ich werde also mit dem zufrieden sein müssen, was ich habe. Ich habe ja alles. Einmal aber, möchte ich wissen, wie es sich anfühlt, wenn ich nur so täte, als würde ich ver-suchen die alte verrostete Türklinke hinunterzudrücken. Nur mal probieren. Mehr nicht. Ich tat es. Das Tor öffnet sich. Es war nicht verschlossen. Nur in meinen Gedanken war es verschlossen.

„Ich bin das Tor der Angst, wer durch mich hindurchgeht, wird zum Leben erweckt.“

Bild: Fotolia.de

9 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Lumina sagt:

    Die Geschichte ist wunderschön und sehr poetisch, liebe Silvia!
    Und dazu ist sie noch unglaublich wahr! Diese Reden hört man immer wieder: „Zufrieden sein, es geht mir doch gut, nur nichts verändern, Risiken aus dem Weg gehen “ …etc.
    Die Angst vor dem Neuen ist bei vielen Menschen vorherrschend. Wer diese Angst in sich hat, vermeidet es , Dinge zu tun, die er noch nie getan hat, Erfahrungen zu machen, die er noch nie gemacht hat und versperrt sich damit selbst den Weg zu innerem Wachstum und persönlichem Glück. Wie schade!
    Dem kann man nur entgehen, wenn man ständig übt, sich an das Neue zu gewöhnen. Etwas riskieren, neue Orte sehen, neue Menschen treffen, neue Gefühle fühlen , öfter mal umziehen (:D) . Für mich sind Stagnation und Gewöhnung ganz schrecklich, im Grunde bedeuten sie Rückschritt, denn das Leben selbst ist Veränderung. Und ist es nicht ein ganz herrliches Gefühl, wenn man sich durch einen einfachen Willensakt in das Gefürchtete hineinstürzt und die Angst überwindet. Diese Freude überwiegt alles. Und das nächste „Angst-Tor“ erscheint dann nicht mehr so bedrohlich.
    Liebe Grüße von Lumina

  2. 2
    muktananda13 sagt:

    Das Neue ist das Alte, nur in anderer Form.
    Das Alte ist das Neue, nur in anderer Form.
    Alles ist da, in anderen Formen.

    ALLES IST DA – IN FORMEN.

    Wo bleibt Platz für Angst, wenn du verstehst, dass alles eins ist? Dass alles Dasselbe ist, nur in immer verschiedenen Formen?

    Angst ist Glaube , Intelligenz Neugier und Logik.
    Intelligenz überragt Angst.
    Wissen überragt Intelligenz.

    Gibt`s etwas, was Wissen überragt?
    Nein, denn Wissen ist Sicherheit und Liebe.

    Und wo Liebe und Wissen da sind, gibt es unübertroffene Macht,da unübertroffene Einheit.
    Wenn man durchs Erleben weiß, dass alles Eins ist, gibt es keinen Platz für etwas anderes.

  3. 3
    muktananda13 sagt:

    Das einzige Tor, das passiert werden sollte, ist das Tor des eigenen Herzens.

    Man steigt auf, wenn man in sich steigt.

    Wenn das Denken ins Herz absteigt, steigt am als Wesen auf.
    Einen anderen Weg gibt es nicht, alles Umweg im Leid.
    Wer Hilfe vom Außen erwartet, ist nur ein Wartender.
    Und darum ist Not da.

    Und Not übersteigt mit der Herzessenz. Daraus sind alle Welten und Wesen gemacht. Alles Schein der Welten durchbricht man mit Herzenskraft, die ganze Illusionsblase mit ihr. Dies wird auch als Wille und Liebe bekannt. Da ist kein Unterschied.

  4. 4
    Celina sagt:

    Aus tiefster Nacht bin ich erwacht. Jetzt strahlt aus mir die Seelenkraft…… 😀

  5. 5
    Silvia sagt:

    Hallo ihr Lieben. Lieben Dank für eure Kommentare. 🙂
    Ja, das Tor der Angst dürfte jedem bekannt sein. Und die 1000000000 Gründe, es nicht durchschreiten zu wollen wohl auch 😉
    Schönen Sonntag
    Herzlichst, Silvia

  6. 6
    Leanie sagt:

    Liebe Silvia,
    beim Lesen des Textes hatte ich Tränen in den Augen. Ja, so und genau so ist es.
    Wer hindurchgeht, wird zum Leben erweckt.
    Wie poetisch. Wie wahr. Ich habe es erfahren und genau so ist es.
    Herzensgrüße,
    Leanie

  7. 7
    Angela1 sagt:

    …..wunderschöne Zeilen!
    Danke dafür liebe Silvia!
    Uns ALLEN einen wunderbaren Sonntag

    Angela

  8. 8
    Ekke sagt:

    Bei mir steht über dem Tor der Angst auch noch der Satz:
    Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.

    Diese Google Anzeige, die mir 1/3 des Bildschirms verdeckt, stört wirklich sehr.

  9. 9
    Stefan sagt:

    _♥_

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