Fussball-WM: Licht und Schatten

14 Jun 2014 Von Kommentare: 5 Gesellschaft, Zeitgeschehen

Stadion

Fußball, Konsum, Regenwald und die Urinstinkte im Mann. Die Fußball-WM 2014, das weltweit größte Sportereignis, zieht wieder Milliarden Menschen rund um den Globus in ihren Bann. Gastgeberland Brasilien ist die wohl fußballbegeistertste Nation auf dem Erdball, aber auch ein Land, das zahlreiche Probleme zu bewältigen hat. Die wirtschaftlichen und sozialen Mißstände lassen sich durch das Großereignis nicht wegretuschieren, erlangen aber durch die weltweite Berichterstattung große Aufmerksamkeit. So unsinnig die unglaublich hohen Kosten für die Weltmeisterschaft im eigenen Land auch sind, so deutlich zeigt die brasilianische Bevölkerung der medialen Öffentlichkeit jetzt ungeschminkt die Wahrheit auf. Abseits der Copacapana und sambatanzenden leichtbekleidenden Schönheiten machen sie lautstark darauf aufmerksam, wie man die astronomischen Summen, welche die Austragung der WM unterm Strich kostet, besser hätte investieren können bzw. sollen. Die knapp 1 Mio. Ureinwohner werden nach wie vor unterdrückt, der Regenwald rücksichtslos abgeholzt. Deren Rechte sollen durch Gesetze sogar noch weiter beschnitten werden.

Wie eine Medaille existiert das eine nicht ohne das andere. Auf der einen Seite wird die sportliche und konsumierende Sicht dargestellt und gefeiert, auf der anderen Seite wird die Ungerechtigkeit durch das Großereignis beleuchtet. Weder der Staat, noch die FIFA können dies verhindern. Zwei Jahre lang hat sich der 27-jährige dänische Journalist Mikkel Keldorf Jensen auf die Weltmeisterschaft in Brasilien vorbereitet. Er lernte extra portugiesisch um vor Ort über die WM 2014 zu berichten. Doch er wurde Zeuge traumatisierender Brutalität. In einem Dokumentarfilm und in seinem Blog berichtet er über die Grausamkeit, die auf den Straßen Brasiliens herrscht.

Ist das der wahre Preis der Fußball-WM?

„Straßenkinder, so Jensen, seien dem neuen Säuberungsprogramm der Stadt zum Opfer gefallen. Denn Brasilien solle schließlich auch während der WM das Bild verkörpern, das Touristen in den Medien vermittelt wird: ein lebensfrohes Land, in dem es von fruchtigen Cocktails, wirbelnden Tänzern und willigen Mädchen nur so wimmelt. Das kurbelt die Wirtschaft an! Hungernde Straßenkinder, die in den für die Touristen vorgesehenen Vierteln schlafen, passen nicht ins Bild und werden daher, so der Journalist, von der Polizei beseitigt: Sie würden nachts im Schlaf erschossen und aus den Touristenvierteln entfernt. Quelle: zeitjung.de

Was brauche ich wirklich zum Leben?

Welt über einem FussballstadionAlle zwei bzw. vier Jahre werden im Garten Großbildleinwände aufgestellt, die Bierfässer kaltgestellt und nicht Wenige nehmen extra Urlaub wenn die Nationalmannschaft via TV das Stadion betritt. Die Probleme der Bevölkerung Brasiliens werden verdrängt oder ignoriert. Andererseits, ändert man die schlimmen Verhältnisse wirklich, wenn man auf den Konsum von Fußball verzichtet und den TV ausmacht? So sieht man wenigstens hin und bekommt auch die Schattenseiten mit, kann darüber nachdenken und reflektieren, was dies mit seinem eigenen Leben zu tun hat. Tropenholz und Biotreibstoff – Gedanken über den eigenen Konsum, was man wirklich braucht zum Leben, materiell wie geistig. Auf was kann ich verzichten, oder was belastet mich nur zusätzlich. Die Erkenntnis, dass man, je mehr man besitzt, desto mehr Probleme man hat, könnte für Manchen neu sein. Überraschend ausführlich übrigens die Berichterstattung über die Schattenseiten Brasiliens, die in die Wohnzimmer vordringen.

Fußball als Ausgleich für den Urinstinkt im Mann

Fußball als Ausgleich, auch wenn der Sport nicht aktiv betrieben wird, sondern nur als passiver Zuschauer, ist als Bedeutung gerade für den Mann nicht zu unterschätzen, auch wenn viele Frauen kein Verständnis dafür haben, oder dies teilweise etwas abfällig belächeln. Man(n) versetzt sich hinein in das Lieblingsteam, als wäre es Teil von einem selbst. Eine neue temporäre Identität wird erschaffen und Niederlagen werden als kurzfristige Schicksalsschläge empfunden, Siege als eigene Erfolge gefeiert. Der Urinstinkt, das archaische, kann man(n) dort legitim ausleben, ohne dass man Rücksicht auf seine Umwelt nehmen muss. Immerhin hat der Mann nicht mehr die Aufgabe, auf die Jagd zu gehen um das Essen zu „schiessen“ und so Bestätigung zu erhalten. Fußball ist ein Ventil, um Emotionen und Gefühle ungefiltert zu verarbeiten und herauszulassen. Das ist nicht verkehrt. Dennoch sollte der Mann sich generell auch fragen, ob dieser wohl eher ungewohnte Ausbruch von Emotionen nicht auch im Alltag integriert werden kann. Zwar nicht, um im Job laut herum zu brüllen, sondern um die eigenen Gefühle im Körper intensiver wahrzunehmen und diese auch mitzuteilen, z.B. einem guten Freund oder der eigenen Frau.

Menschen treffen sich, um gemeinsam Fussball zu schauen, ein großes soziales Gemeinschaftsgefühl entsteht. Das wird in unserer westlichen Welt immer weniger, wo man sich abschottet und jeder für sich ist. Bei sommerlichen Temperaturen im Freien macht es besonders Spaß, wenn man mit Freunden feiern kann und dem Lieblingsteam die Daumen drückt. Man mag es oder man mag es nicht. Wenn dies friedlich geschieht und jederzeit Rücksicht genommen wird, ist dies eine tolle und runde Sache. Wegschauen löst die Probleme auch nicht.

Bilder: Fotolia.de

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Sämi Knecht sagt:

    Hey Alex!
    Sehr guter Beitrag – vor allem gesund kritisch! Die WM ist schön und gut, sportlich gesehen. Wirtschaftlich bin ich gespannt, wie das Land Brasilien (und damit meine ich alle Sozial-Schichten) profitieren wird. Wie werden die Stadien nach dem Turnier genutzt, ein Gerücht über ein künftiges Gefängnis habe ich schon aufgeschnappt..mal schauen!
    Jetzt erstmal Hopp Schwiz weiterhin und..naja natürlich auch Deutschland..;)
    Gruess aus der Schweiz!

  2. 2

    Hi Sämi,
    danke für deinen Kommentar, freut mich sehr dass du uns besuchst! 🙂
    Trotz aller Kritik an der WM sehe ich (als geouteter Fussballfan) doch auch die positiven Effekte des Sports ansich, auch wenn das Geld leider vieles kaputt macht. Aber, ein Spiegel unserer Zeit – wie vieles. Wichtig ist immer die Refklektion.

    Mein Herz drückt neben Deutschland schon längst auch der Schweiz die Daumen! 🙂

    Viele Grüße
    Alex

  3. 3
    Silvia sagt:

    @ Sämi & Alex
    Na, so wie es JETZT aussieht gemäss Spielstand, könnte es ein Traumfinale werden: Schweiz – Deutschland!
    Und die Schwiiiiz gewinnt! 😉 😉 ….is jo klar

  4. 4
    christian5 sagt:

    Ach was, Deutschlaaaand wirds natürlich!!!? *g*

    Ich sehe es übrigens durchweg positiv, wenn Lichtbringer sich in dieses morphische Feld einklinken und somit ihr Licht dort teilen, wo es dringend nötig ist. An anderen stellen habe ich von Boykott gelesen, aber diese Art des Verzichts ist für mich sogar negativ zu betrachten, da jeder Lichtbringer gebraucht wird und alle, die sich aus Verstandesgründen im Verzicht üben, die Transformation verlangsamen und somit behindern. Sie verursachen das Gegenteil von dem was sie eigentlich wollen, weil sie es mit dem Verstand wollen, nicht mit dem Herzen. Alles eine Frage der Betrachtung *g*

    Ich wünsche allen nicht verzichtenden eine schöne WM 🙂

  5. 5
    Silvia sagt:

    @ Christian5…..ja, also nach gestern Abend traue ich Deutschland alles zu….. 😉 aber zugegeben, die Schwiiizer haben in der letzten Sekunde noch einen ‚Topf‘ geschossen…..dies will was heissen…Durchhalten bis zum Schluss. 🙂 …auch wenn es am Anfang gar nicht gut aussah. Mentale Stärke, da sind die Schwiizer gut, nicht zu verwechseln mit einem Dickschädel! 😉

    Deine weitere Anmerkung: sehe ich auch so. War im ersten Moment auch dazu geneigt, irgendwie Verzicht zu üben. Aber wenn ich nun sehe, dass sich die Fans überall treffen und zu einer Einheit verschmelzen, aufgrund der Fanmannschaft sich zusammengehörig fühlen, einander umarmen, aber auch zusammen weinen, so finde ich, ist dies ein wundervolles Zeichen. Wie du sagst, alles eine Frage der Betrachtung 🙂

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