Berg- und Talwelten

01 Sep 2014 Von Kommentare: 9 Reisen, Sonstiges

Weissfluhjoch im Bündnerland

Mit der Bergbahn oben angekommen, stelle ich fest, dass es in 2700 Metern Höhe kälter ist, als unten im Tal angenommen. Außer meiner Begleitung und mir steigen nur eine Handvoll Wanderer sowie zwei jugendliche Mountainbiker in kurzen Hosen aus. Obwohl die Sonne hier und da runter bis ins Tal spitzt, ist es wolkenverhangen. Sie sorgen für eine dunkle und undurchsichtige Szenerie morgens um 9h. Das Außenthermometer der Bergstation zeigt Minus 1 Grad an. Es liegt Schnee, der über Nacht gekommen ist. Für Mitte August ist es hier oben ganz schön kalt, denke ich mir, als ich instinktiv meine eiskalten Hände in den Jackenärmeln verschwinden lasse. Der Wind pfeift mir um die Ohren, während ich feststelle, dass meine Kleidung grenzwertig ist. Also muss ich in einem schnelleren Schritt losgehen, damit ich mich von Innen her aufwärmen kann und ich nicht mehr friere. Die Umgebung hier oben erinnert an eine Mondlandschaft.

Nur kahle Berge, schroffe Felsen, Steine, die den Weg säumen und verlassene Mondfahrzeuge (Schneewalzen), die zusammen mit den Skiliften und kleinen Skihütten an vergessene Zeiten erinnern, an denen hier bei Apres Ski der Bär steppte. Wir sind die einzigen Menschen hier oben in den Schweizer Bergen im Bündnerland. Ein paar wenige Vögel begleiten anfangs unsere Wanderung.

Diese Leere hier in dieser unwirklichen Felslandschaft in knapp 3000 Metern Höhe ist irgendwie symptomatisch für meinen momentanen seelischen Zustand. Dem Himmel so nahe, symbolisieren diese verlassenen Skilifte das Außen, an dem ich mich immer versuchte abzulenken. Sei es durch Weltuntergangszenarien, TV, Musik, Seminare oder spirituelle Bücher. Nun bin ich mit mir völlig alleine und nichts kann mich ablenken. Ich habe nicht mal das Bedürfnis, mich durch äußerliche Tätigkeiten oder Gesellschaft ablenken zu lassen. Hat der Bewusstseinswandel und die Suche ein Ende? Auch wenn es etwas Angst macht, weil ich mich in einem Stadium wähne, an dem es irgendwie zu einer Art Stillstand gekommen ist, fühlt es sich an wie der:

Übergang in eine neue Welt

Berge im Bündnerland SchweizDie neue Welt entpuppt sich zunächst als urige gemütliche Berghütte, wir sind die ersten Gäste, werden freundlich vom Bergwirt empfangen und wärmen uns neben dem Holzofen auf. Eine deftige Mahlzeit und ein gutes bayrisches Bier geben Kraft für den Abstieg. Die Landschaft hat sich mittlerweile stark gewandelt. Nun sind es grüne Wiesen und weite Berghänge, die von gesunden, glücklichen Kühen abgegrast werden. Kleine klare Bergseen, Enziane, Silberdisteln und Schmetterlinge säumen den Weg. Das Wasser des Berges in Form von Bächlein, die wir auf dem Weg immer wieder überqueren, möchte uns wohl reinigen von all dem Mist, den wir da draußen im wirklichen Leben täglich in uns hineinfressen und unseren Verstand vernebelt. Ca. 15 Meter neben mir entdecke ich eine Murmeltierfamilie, die sich von uns nicht beirren lässt. Sie stehen einfach da, auf zwei Beinen, und schauen sich um, was es so Neues gibt in ihrer kleinen weiten Welt. Sie machen sich keine Gedanken, wie ihr Leben in fünf oder zehn Jahren aussehen soll. Sie leben im Hier und Jetzt und sind einfach sie selbst. Sie brauchen sich nicht verstellen und suchen auch keine sinnlose Ablenkung von sich selbst. Einen Bewusstseinswandel haben sie nicht nötig. Ich bewundere sie.

Perspektive wechseln

Blick ins Tal von DavosIch laufe den Berghang hinunter, der Wind bläst mir um die Ohren, und genieße diesen einmaligen herrlichen Ausblick über das ganze Tal, das Bergmassiv als mächtige und eindrucksvolle Kulisse im Hintergrund. Endlich kommt auch die Sonne raus und begleitet uns, wärmend und wegweisend. Die Bergluft ist frisch, klar und deutlich. Sie transformiert mein Ich, sobald ich die Gedanken an morgen und übermorgen links liegen lasse und ich mich komplett auf den steinigen Weg konzentriere, dem ich gerade folge. Wie in einer Gehmeditation versuche ich meinen Atem bewusst gleichmäßig zu steuern, atme zwischendrin immer wieder tief ein und aus, damit sich meine Zellen erneuern können. Atem ist Leben. An einem Gebirgsbach angekommen sehen wir Mountainbiker mit Tunnelblick, die mit großer Mühe darüber hinweg steigen, nicht ahnend, dass der Bach fünf Meter oberhalb durch eine Holzbrücke mit trockenen Füssen überquerbar wäre. Interessant, wie einfach doch das Leben manchmal sein könnte, wenn man mal seine Perspektive ändern würde. Und interessant, wie schwer wir Menschen uns das Leben oft selber machen.

Wir kommen wohlbehütet im Tal an und nehmen den nächsten Bus zu unserer Unterkunft. Nun kann ich meine Füße pflegen und mich stärken, für das Leben nach dem Berg und dem Tal.

Mein Buch:

9 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Frosch Frosch sagt:

    Ich konsumiere – also bin ich

    Wo gibt es etwas gratis? Gut, denn da gehe ich hin! Meine Froschfühler sind voll auf kostenlos ausgerichtet. Geiz ist Geil und alles was nichts kostet, wird einverleibt bis zum Umfallen. Wieso etwas bezahlen, wenn es irgendwo etwas kostenlos gibt? Und wenn an dem einen Ort der Gratis-Hahn zugedreht wird, hüpfe ich einfach zum nächsten. Kein Problem im heutigen Netzzeitalter. So kam ich auch einst zu 2012spirit. Da gibt’s und gab es alles gratis, was ich mir erträumte. Witzige Stories, Sehenswertes, Kraftorte, Wandertipps und natürlich ganz viele Artikel über den Weg, über Spiritualität und Selbstfindung. Ich konsumierte was das Zeugs hielt, ich labte mich an all den Themen bis ich satt war und in einen tiefen Schlaf fiel. Doch meine Träume waren geprägt von Tod, Massacker, Missgunst, Neid, Leid und Not und als ich aufwachte, merkte ich, dass dies alles kein Traum war. Und ich las weiter, immer tiefer grub ich mich in die Materie und in meine Schatten bis ich mich fragte: „Frosch, was tust du da?“ Mir wurde auf einen Schlag bewusst, dass ich nicht besser war als all die Konsumenten, die saugenden Riesenbabys, sprich unsere Gesellschaft, die da sitzt und mit offenem Munde alles einverleibt und einsaugt, wie einst an Mutters Brust oder dann halt am Schoppen, denn Stillen wird ja auch zur Seltenheit, denn dann müsste man ja wieder etwas von sich geben. Und ich fragte mich als nächstes, wer sitzt eigentlich am Schaltpult von 2012spirit und wie muss es ihm ergehen, wenn er merkt, dass alle nur seine Arbeit konsumieren und wenn sie satt sind, einfach gehen ohne ein Wort? Dankbarkeit zu erwarten ist in unserer Welt, wo man fast alles gratis bekommen kann, fehl am Platz. Heute ist alles selbstverständlich. Dreht man den Hahn auf, fliesst Wasser, Schalter an und es werde Licht, Stecker in die Dose und volle Pulle Strom ist da. Erst wenn dies alles wegfällt, merken wir, was alles zuvor so selbstverständlich war. Wurde mir nun wieder in den zwei Wochen Ferienabwesenheit von 2012spirit bewusst. Und so war auch ich ein Konsument von allen möglichen spirituellen Seiten, bevor ich mein persönliches Erwachen feiern durfte. Nein, kein grosses Erwachen, kaum nennenswert, ein kleines, persönliches. Ich bin erwacht aus dem Konsumentenalbtraum und habe mein Leben in die eigenen Hände genommen und wurde selbst zum Aktivist. Ich fing selbst an zu schreiben. Und seit ich selbst etwas beisteuere, merke ich, wie viel Herzblut in so einer Seite steckt. Das sind nicht nur Texte, nein, da ist ein tiefes Wissen, und es ist ein grosses Herz mit dabei, welches alles daran setzt, andere begleiten zu dürfen, für sie da zu sein und auch zusammen mit ihnen leiden zu dürfen. Alex – und an alle anderen Autoren dieser Seite und stellvertretend auch für andere unermüdliche Blogbereiber: ein herzliches Dankeschön. Und Alex, bewahre dir diese Leere, die du da gefühlt hast auf dem Berg. Schön, geht’s weiter! See you, Frosch

  2. 2
    Chris sagt:

    Ja, ich möchte auch einfach mal Danke sagen. Eure Texte inspirieren, berühren zutiefst und geben mir Möglichkeit zu wachsen. Danke!

  3. 3
    Leanie sagt:

    Danke für diese erhellende Reise-Weg-Beschreibung. Es erinnerte mich an meine Sinai-Wüsten-Wanderung, es wurde zur Entleerung und zur Befreiung, Gehmeditation ist ein passendes Wort.
    Ich empfinde eine stille Be-Geist-erung, wenn ich die Natur beobachte und als Teil davon mich wieder finde und dieses Empfinden hatte ich soeben beim Lesen.
    Einst hatte ich mich gefragt: was ist das: HEILIG?
    Die Antwort gab mir der Sinai, die Natur überall in jedem Moment.
    Alles Liebe und schön, daß ihr zurück seid,
    Leanie

  4. 4
    Lumina sagt:

    Willkommen zurück, lieber Alex aus den grandiosen Natur-Welten der Einsamkeit.

    Ich spüre da eine gewisse Wehmut in Deinem Bericht.

    Ja, Wildtiere leben ganz in der Gegenwart und lassen sich auch nicht ablenken von „konsumierten Müll“, aber sie haben auch keine Wahl, alles läuft instinktmäßig bei ihnen ab. Arterhaltung und Fortpflanzung.

    Diese innere Leere, von der Du sprichst, auch der Stillstand, ist in meinen Augen etwas sehr Wertvolles. Nur aus der Leere kann etwas Neues entstehen. Sie ist zugleich die höchste Fülle und Verheißung auf einen neuen Bewusstseinszustand.

    Ich denke, eine solche Naturerfahrung kann, – wie für mich das Wandern am Meer,- etwas sehr Symbolisches sein und viel Klarheit für das eigene Leben bringen.

    Liebe Grüße von Lumina

  5. 5

    @ Frosch / Chris / Leanie / Lumina,
    Danke Euch vielmals!
    Fühlt sich gut an, wenn man das Gefühl hat, „Arbeit“ wird wertgeschätzt.

    Herzliche Grüße
    Alex

  6. 6
    Paul Eltrop sagt:

    Schade, dass auf dieser Seite der Unsinn von xxxx (Name von der Redaktion gelöscht) verlinkt wird. Eine großes Grab für Dein Geld mit übermäßigen Standardtexten ohne Bezug zur Person, welche Hilfe sucht. Es wird mit geschickten Mittel versucht, eine persönliche Anrede herzustellen. Hinter der Seite befindet sich nichts anderes als eine Betrugsmasche erster Güte. Ich habe ein Stückchen mitgespielt und nur schlechte Erfahrung gemacht. Gerne gebe ich weiter, was meine Kenntnis ist.
    Paul

  7. 7

    @ Paul,
    auch wenn wir deinen Ärger verstehen können, so bitten wir dich, auf Kritik an anderen Personen/Websites hier zu verzichten.
    Ich weiß auch nicht genau, welchen Banner du meinst, einige Google-Anzeigen erscheinen mehr oder weniger zufällig. Nebenbei aber der Hinweis, dass ohne diese Anzeigen/Banner 2012Spirit in dieser Form nicht existieren könnte.
    Danke und herzliche Grüße
    Alex Miller / 2012Spirit

  8. 8

    Lieber Alex,

    passend zum Thema eine passende Seite mit passendem Titel und nicht minder passendem Inhalt:

    http://www.gemeinsaminstal.de

    Liebe Grüße
    Guido

  9. 9
    Alex Miller / 2012Spirit Alex Miller / 2012Spirit sagt:

    Lieber Guido,
    schön, wieder von dir zu lesen. Seh ich mir an.

    Lg
    Alex

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