Im Herbst 1989 in Deutschland: Überwinden von Grenzen

14 Nov 2014 Von Kommentare: 0 Entwicklung des Menschen, Wirtschaft & Politik, Zeitenwandel, Zeitgeschehen

Brandenburger Tor

Aufgewachsen als Kind im Westdeutschland der 80er Jahre, in einer Zeit, als diese grau-grünen Bundeswehrmäntel mit der Schwarz-Rot-Goldenen Flagge am Ärmel „in“ waren, die knallgelben Sparkassen-Mützen, die man in der Grundschule geschenkt bekam sowie Modern Talking, deren Musik ich nie wirklich mochte, studierte man in nahezu jedem Schuljahr die gleichen Geschichtsbücher, Ausflüge und Exkursionen. Deutschland hat die beiden Weltkriege begonnen und verloren, ist Täter und wird dafür bestraft. Schule, Spielfilme und die Berichterstattung im Fernsehen, welches damals nur über drei Kanäle verfügte, sorgten dafür, dass sich diese „kollektive Schuld“ tief in meine kindliche Seele einbrannte, wenngleich ich erst knapp 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Licht der Welt erblickte.

Todesstreifen und Mauer

Wir nachfolgende Generationen in Deutschland waren also pauschal alle böse und schuldig und fanden dafür zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ im Osten einen Feind, der noch böser war, als wir selbst. TV-Bilder von grauen Panzern, welche gegen demonstrierende Menschen vorgingen. Menschenmassen, die vor Geschäften, die augenscheinlich leer waren, sinnlos warteten. Und Westdeutsche, die beim Versuch ihre Verwandten in der DDR zu besuchen, an der Grenze willkürlich ihr halbes Auto zerlegen mussten. Das war eindeutig das Böseste, was es gibt! Zumindest böser als wir im Westen und somit das perfekte Feindbild. Unsere Verwandten im Osten bekamen von meinen Eltern zu Weihnachten immer ein Paket mit Lebensmitteln, die es „drüben“ nicht gab. Erinnern kann ich mich nur noch an den Kaffee und die Schokolade.

Für mich als Kind war die DDR, ein Land, in dem die selbe Sprache gesprochen wurde, wie eine andere Welt. Einige Male besuchten wir das Grenzgebiet in Nordbayern, sahen uns die Grenzanlagen an, die Wachtürme, den sog. „Todesstreifen“, sahen ab und zu sogar Grenzpolizisten des „Feindes“. Eine Atmosphäre wie auf einem anderen, unwirklichen Planeten, fernab jeglicher Menschlichkeit und Menschenwürde. Wie würde ich dies meinen eigenen Kindern heute erklären, warum es soweit kommen musste und wozu das alles? Wozu überhaupt gibt es Grenzen? Grenzen machen für mich irgendwie den Anschein, als müsse man Menschen wegsperren, damit sie nichts anstellen können. Aber auch „mit“ Grenzen stellt der Mensch leider genug an, wie man tagtäglich sehen kann. Und dennoch war der Herbst 1989 in Deutschland ein Moment in der Geschichte der Menschheit, in dem in mir die Hoffnung aufkam, dass die Spezies Mensch doch noch hin und wieder lernfähig ist.

Herbst 1989

Dann kam jener magische Herbst 1989. Viele tausende DDR-Bürger nutzten ihre Sommerurlaube in Ungarn und anderen osteuropäischen Ländern spontan dazu, um in westdeutsche Botschaften zu fliehen, in der optimistischen Hoffnung, ausreisen zu dürfen. Das war damals eigentlich undenkbar, wäre da nicht, im Rückblick, diese neue Zeitqualität eines Bewusstseinswandel gewesen, die es möglich machte, dass sich plötzlich mehrere Optionen im Leben öffnen können, als nur eine aus der Vergangenheit bekannte. So nahm das Leben für viele Menschen, wie für ein ganzes Land, eine Wendung in der Geschichte, die dem bedingungslosen Glauben und dem starken Willen von Menschen zu verdanken waren, die nur eines wollten: Freiheit.

Verlassene Fahrzeuge der Marken Trabant und Wartburg prägten das Bild der Umgebung Prags. Die damalige Führung von Tschechoslowakei und DDR lenkten im September 1989 schließlich ein, und erlaubten die Ausreise von mehreren Tausend DDR-Bürgern. Ich erinnere mich genau an den Moment, ich war live vor dem Fernseher mit dabei, als der damalige Außenminister Genscher in der Prager Botschaft diese berühmten Worte in das Mikrofon verlas. Obwohl es fast ein wenig publikumswirksam inszeniert war, schien die Zeit still zu stehen. Ich fieberte mit, als wäre ich einer von ihnen, den Menschen, die einfach nur in Freiheit leben wollten, ihr ganzes Hab und Gut zurückließen, die in ihren Urlaubskoffern nur das Nötigste mit dabei hatten, die dort mit ihren Babys und Kleinkindern in der engen Botschaft campierten, und nicht wussten, wie ihr Leben weitergeht.

„Liebe Landsleute,
wir sind zu Ihnen gekommen,
um Ihnen mitzuteilen,
dass heute Ihre Ausreise…
(tausendfacher Aufschrei und grenzenloser Jubel)
…in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“
Hans-Dietrich Genscher, Prager Botschaft 1989

Paradigmenwechsel

Die Vorkommnisse in der Prager Botschaft sowie die Montagsdemonstrationen in der damaligen DDR waren die Vorläufer für den Fall der Mauer und somit Grundlage für einen friedlichen Paradigmenwechsel, einen Bewusstseinswandel, sowie für das Überwinden von Grenzen, Mauern und starren eingebrannten Denkweisen alter Männer. Den Moment, als die Mauer am 9. November 1989 fiel, erlebte ich auch wieder vor dem Fernseher. Damals gab es nicht so viele Nachrichtensendungen wie heute, und die Tagesschau war „das“ Nachrichtenmedium schlechthin. Und wieder sah ich mich als einer von ihnen, der mit dabei war, fühlte das Abfallen von sämtlichen Emotionen, die ein Volk im Kollektiv lange Zeit mit sich herumgetragen haben. Mir kamen Freudentränen als ich Menschen sah, die auf der Berliner Mauer saßen und Sekt tranken, Menschen, die sich in den Armen lagen und Menschen, die zusammen mit Polizisten tanzten und feierten.

Die Grenzen in den Köpfen freilich fielen erst einige Zeit später, nach und nach. Man musste sich erst daran gewöhnen, an ein neues Einheitsgefühl, an eine neue Verbundenheit, die sich zunächst noch etwas fremd anfühlte und vielleicht auch heute noch, 25 Jahre danach, noch nicht 100%ig vorhanden ist.

Es mag damals viele merkwürdige Umstände gegeben haben, die zum Fall der Mauer beitrugen (z.B. der berühmte Schabowsky-Versprecher), aber letztendlich sollte der Mauerfall das Symbol und der Beginn für den Frieden in der Welt sein. Sehen wir die Fakten heute, so sieht es nicht danach aus, so wie damals 1989 in Deutschland, als eine Mauer ein Land teilte, die es heute nicht mehr gibt.

Bild: Fotolia.de

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