Auf dem Jakobsweg

09 Dez 2014 Von Kommentare: 7 Reisen, Sonstiges

Jakobsmuschel auf dem Jakobsweg

Buen camino I

Knapp 10 % der klassischen Hauptroute durchs nördliche Spanien, von St. Jean Pied de Port über den Frankenweg nach Santiago de Compostela und danach Finisterre, bin ich im Herbst 2014 mit einer kleinen Wandergruppe über historische und aber auch neue Wege etappenweise gegangen. 10 %, also fast so viel, wie man seit sehr langer Zeit Herrschenden (man beachte den Wortstamm) abzugeben hatte: Den Zehnten. Weiter möchte ich mich nun nicht mehr über die schon (zu) oft beschriebenen Dinge des Jakobsweges auslassen. Vielmehr ein paar Gedanken über zufällige Begebenheiten auf dieser Reise oder Dinge anderer Art.

Buen camino II

Dieser Ausdruck findet sich ebenso im chinesischen Alltag, indem man Mitmenschen statt des hiesigen „Mach’s gut“ ein „ni hau“ wünscht, was eigentlich „gehe gut“ bedeutet. Ich finde dies toll, denn gut zu gehen oder einen guten Weg zu haben, ist besser, denn Dinge gut zu tun, besteht doch das Leben, will man es nachhaltig und gesund erleben, viel mehr im Sein denn im Tun, auch wenn dies zu viele, vorab in der abendländischen Kultur wohl anders sehen. Man wird gemessen statt genommen und zwar an Taten denn am Sein. Daher wird man auch stets nach Erlebtem gefragt und zwar mehrheitlich, was das Beste gewesen sei, dabei sind es die viel zahlreicheren unscheinbaren Dinge, welche einen Umgeben, formen und tragen. Aus diesem Grunde werde ich mich auch nicht zu Punkten äussern, was denn für mich das Beste, Stärkste oder Geilste dieser Reise gewesen ist. Nannte ich eines, stellte ich anderes zurück und dies will ich nicht. Ebenso verweigere ich Antworten auf die Frage „Was hat Dir diese Reise gebracht?“.

Auf dem JakobswegBuen camino III

Hut ab vor denen, welche die knapp 800 km für die klassische schon eingangs erwähnte Hauptroute bewältigen oder gar, wenn sie von irgendwo zu Hause bis nach Santiago marschieren. Doch am meisten Hut ab vor denjenigen, welche die gleiche Strecke wieder zurückgegangen sind, denn der klassische Pilger von früher konnte am Ziel nicht einfach in ein Verkehrsmittel der heutigen Zeit steigen. Es gälte also nicht nur eine viel grössere Distanz zu bewältigen sondern sich auch erhöhten mentalen Schwierigkeiten (gegen den Strom und alles schon bekannt) zu gehen. Leider kenne ich nicht eine Person, die solches erlebt hat.

Buen camino IV

Ein Weg – ein Weg entsteht nicht durch einmaliges Begehen einer Fläche sondern erst durch mehrfaches Beschreiten der gleichen Strecke. Somit sind die meisten Lebenswege keine, sondern lediglich ein Nachfolgen (mehrheitlich Stolpern) auf Pfaden fremder Menschen.

Gott

Nun, Gott ist mir auf dieser Reise natürlich ebenso wenig begegnet, wie man ihn in Frauenhäusern, Kinderspitälern oder Altenheimen anzutreffen pflegt. Vielleicht habe ich mich jedoch auch ganz einfach falsch verhalten oder es nicht verdient, ihm zu begegnen, mag sein, doch gerade solchen erbärmlichen hochmütigen Kreaturen müsste er sich zeigen oder ihrer annehmen, doch ich erspare mir weitere Vermutungen, denn die ganzen Konstrukte um Göttlichkeit oder ähnliche metaphysische Begebenheiten sind für mich nichts anderes als Leistungen unseres Gehirns, das stets nach Mustern Ausschau hält, um nicht „durchzudrehen“ sprich mit wenig Aufwand einen gang- und aushaltbaren Weg im Chaos zu finden; eine galante und wohl überlebensnotwendige Selbsttäuschung in der grossen Welt des Zufalls.

Weg auf dem JakobswegReiseführer

Eine absolutes Glück, andere würden wohl eher meinen eine Fügung Gottes, war es, dass ich auf diesem Camino mit Carlo Schättler als Reiseführer sein durfte. Ein unaufdringlicher grosser Mann und auch grosser Geist, der trotz grosser und umfassender Bildung mit beiden Füssen fest auf der Erde steht und der es verstand, unaufdringlich einen mit Inspiration und Wissen zu begeistern und mitzureissen. Er war es auch, der mir in Fisterra half, einen mir an meinem Arbeitsort von einer Kollegin empfohlenen Menschen im 4-dimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum aufzufinden.

Menschen

Ja, ich habe auf dieser Reise gute Menschen und spannende Begegnungen erlebt. Anderes gab es jedoch auch, so dass wer Einmaliges erleben möchte, sich nicht zwingend auf diesen Weg begeben muss, sondern lediglich mit der gleichen Einstellung/Erwartung durchs hiesige Leben ziehen soll. Nur weil man sich von zu Hause weg befindet, ändern sich die Dinge am fremden Ort nicht, man erlebt sich lediglich anders, weil man ungewollt eine andere Brille auf hat und eine solche kann man auch zu Hause aufsetzen.

Mittelbarkeit

Fast alle Menschen haben den Wunsch (mangels eigenen Tuns), die innere Leere aufzufüllen oder mindestens davon abzulenken. Härt oder liest man von einer speziellen Begebenheit, so will man – wenn man es schon nicht selber hat unmittelbar erleben können – es mindestens mittelbar nacherleben und man eilt an Orte oder zu Leuten, welche unmittelbar dabei gewesen sind, und hofft mindestens dadurch auch noch etwas von dieser Aura/Einmaligkeit einfangen zu können. Von dieser Unsitte leben fast alle Religionen, da sie statt Inhalte lediglich Hüllen oder Ersatzstücke von Geschehenem oder Erdichtetem (falsch Interpretiertem) anbieten. Der Besuch von Lourdes auf dem Rückweg, best„tigte diese These eindrücklich. So aber auch der Jakobsweg, eine im 11. Jahrhundert Macht politisch und religiös klug inszenierte Sache, um islamistische Mauren wieder aus Spanien vertreiben zu können, Mauren notabene, welche von Christen ins Land geholt worden sind. Möchte man es positiv formulieren, so spräche man von Schwarmintelligenz, negativ von Lemming-Verhalten, egal, auch hier: Alle werden als Original geboren, die meisten sterben als Kopie.

Und nun?

Ich habe zu danken, dass ich diese Reise habe aussuchen, buchen und erleben dürfen und dass sich Leute gefunden haben, die davon etwas Weniges haben lesen mögen.

Bilder: Peter Schenk

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7 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Frosch Frosch sagt:

    „Doch am meisten Hut ab vor denjenigen, welche die gleiche Strecke wieder zurückgegangen sind….“
    Ich ging nie diesen Weg – dafür andere. Aber ich finde diesen Gedanken hier sehr gut! Wenn man zum ersten Mal einen Weg begeht, dann ist alles interessant, jeder Grashalm, jede Kirche, jedes Dorf. Neugier ist eine starke Antriebskraft. Doch diese Kraft befindet sich ausserhalb von uns und bringt uns nicht uns selbst näher. Wenn man aber den ganzen, bereits bekannte Weg wieder zurück gehen müsste, so kann ich mir vorstellen, dass erst dann ein Prozess in Gange kommt, der uns zuerst zu unserem dunkelsten Tiefpunkt und danach zum Höhepunkt 😉 führt – also womöglich zur Erleuchtung – so meine ich dies selbstverständlich.
    Merci für die Gedanken! Frosch

  2. 2
    Daniela sagt:

    Ich selbst bin diesen Weg noch nicht gegangen.
    Doch wahrlich gehe ich täglich JakobsWEGE.

    Wenn ich JAKOBSWEG lese … dann berührt es dennoch sehr mein Herz.
    Kennst du „OmaToppelreiter“ – ich durfte sie vor kurzem interviewen …
    sie ging den Weg mit 90 zum ersten Mal.

    Schau hier:
    http://www.omatoppelreiter.com/

    Wahrlich wert .. diese wundervolle Frau mit ihrer Botschaft zu den Menschen zu bringen.
    ✿◠‿◠) ………………… ♥
    Mit einem Herzensgruß aus den Bergen Tirols
    Daniela

  3. 3

    Lieber Peter,
    herzlichen Dank für deinen wunderbaren Beitrag.
    Ich habe ihn sehr langsam und mit Bedacht gelesen, denn so viele Botschaften, die man aufgrund der Überschrift wohl gar nicht vermutet, sind darin versteckt. Ein „Reisebericht“ der anderen Art, der gut dokumentiert, welche Gedanken und Empfindungen jemandem beim Wandern auf dem Jakobsweg begleiten.

    Ich glaube beim Wandern, ab einem gewissen Punkt, begegnet man sich selbst. Auf dem Jakobsweg, aufgrund seiner magischen Anziehungskraft wohl noch etwas mehr, als auf einem „normalen“ Weg, der aber auch sehr erkenntnisreich sein kann.

    Viele Grüße
    Alex

  4. 4
    Schenk Peter sagt:

    Hallo Frosch

    Absolut treffend:
    Am Anfang schaut man auf alles und jedes, danach lässt dies immer mehr nach. Dies soll auch schon bei Partnerschaften, Webauftritten, Firmengründungen gesehen worden sein, wenn Du weisst, was ich meine… Aber auch in Schulen und Kursen klaffen Anfangs- und Schlussverhalten weit auseinander. Aus diesem Grunde waren wir an meiner Hochzeitsfeier auch nur zu viert, damals im absolut minimalen Rahmen und in unserer Anzeige las man aus der Feder Goethes: Unter allen Festen ist das Hochzeitsfest das unschicklichste; keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als dieses. Und selbst in Berichten über den selbst gegangenen Jakobsweg fällt einem sofort auf, dass am Anfang fast nur der Weg mit all seinen Begebenheiten geschildert wird, beim Gehen auch oft Pausen eingelegt werden und gegen den Schluss zählt fast nur noch das Ziel und alles wird fahriger und zu oft nur noch abgespult. Kenne niemanden, der von Mystik, Aura und ähnlichem geschrieben hat und dies hat sich am Schluss des Weges zugetragen haben soll. Anscheinend soll dies ja bei Drogen auch so sein, Spannung, Anstieg, Flash, dann Abfall und wenn man Glück hat ein ruhiges Auslaufen. Für mich schade und ich kämpfe jeden Tag dagegen, nicht immer mit Erfolg, ich habe es leider noch nicht geschafft, den Menschen in mir zu überwinden.
    Gruss Peter

  5. 5
    Schenk Peter sagt:

    Hallo Daniela

    Nun “ kenne“ ich Oma Toppelreiter auch, herzlichen Dank ins Tirol und sei nicht traurig, dass Du den Weg noch nie gegangen bist, Jakobswege gibt es überall, auch wenn sie nicht als solche bezeichnet werden oder sei es, dass man gar nicht geht, sondern „nur“ bei/mit jemandem (regelmässig) weilt.

  6. 6
    Schenk Peter sagt:

    Hallo Alex

    Da haben wir beide mit meinem Beitrag ja Glück gehabt. Vielleicht fällt mir wieder Mal was ein und was dann noch wichtiger ist, dass ich es dann auch so formulieren kann, dass es verständlich wird. Etwas zu denken ist das Eine, es zu sagen was Anderes und es dann noch zu tun ein Drittes. Ich als Lazy Bones scheitere fast stets nach Phase Eins.

  7. 7

    Hallo Peter,
    Glück oder eine „Fügung des Schicksals“ 😉
    Deine Beiträge sind immer gerne Willkommen bei uns!

    Viele Grüße
    Alex

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