Arbeitsmarkt 2030: New Mobility

08 Apr 2015 Von Kommentare: 2 Arbeitsmarkt 2030, Zeitgeschehen

Aus dem Flugzeug

Der Fortschritt, so meint man, würde uns Menschen viele Vorteile und Bequemlichkeiten bringen. Wenn man etwas genauer hinsieht wird das Leben allerdings nicht bequemer, im Gegenteil. Der Stresspegel der arbeitenden Bevölkerung nimmt zu, immer mehr Menschen leiden an Armut und die verfügbaren endlichen Ressourcen werden immer weiter ausgeschöpft. Die Frage, die man sich angesichts der ungehemmten Mobilität stellen sollte ist, was, bzw. ob sie den Menschen eigentlich wirklich nutzt oder ob sie sogar schadet? Das Auto ist nicht nur ein Verkehrsträger um von A nach B zu kommen, sondern auch eine nahezu notwendige Errungenschaft um an der heutigen Gesellschaft teilnehmen zu können. Ein täglich 20 Kilometer zu bewältigender Arbeitsweg ist heutzutage für viele Menschen normal.

Autowahnsinn

In Deutschland gilt bei der Arbeitssuche über das Arbeitsamt sogar ein Radius von 50 km bzw. insgesamt 2,5 Stunden täglich für An- und Abreisedauer als „zumutbar“. Wenn ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer in Deutschland einen einfachen Arbeitsweg von 20 Kilometer hat, würde dieser sieben Jahre seines Lebens nur für sein(e) Auto(s) arbeiten! Könnte er die Arbeit von zuhause aus erledigen, bräuchte er kein Auto und könnte die Arbeitszeit theoretisch von einer 40-Stunden-Woche auf eine 33-Stunden-Woche umstellen, was bedeutet: weniger Stress, mehr Zeit, und viel mehr Lebensqualität.

Hier ein Rechenbeispiel, welches verdeutlicht, wieviel Zeit und Geld man benötigt, um mit dem Auto zur Arbeit zu gelangen:

Angenommen ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland hat einen einfachen Arbeitsweg von 20 Kilometer. Das ergeben, hin und zurück, bei 240 Tagen im Jahr, 9.600 Kilometer. Kalkulatorisch über 20 Jahre betrachtet wird da vermutlich ein kompletter PKW verschlissen (197.000km). Die gesamten Kosten für einen VW Golf VI (85 PS, 1197 cm³ Hubraum, Anschaffungspreis 19.995 Euro, mit einem fiktiven Kauf am 1.1.2011) belaufen sich inkl. Anschaffung + Benzin + Steuer + Versicherung + Reparaturen auf ca. EUR 70.000! Nur bezogen auf den Arbeitsweg, ohne Fahrten für Freizeit, Familie, Kinder etc. Für eine 100 Kilometer lange Fahrt mit dem Auto betragen die Kosten folglich ca. EUR 36,00. Im Jahr 2013 betrug der durchschnittliche Brutto-Arbeitslohn für Arbeitnehmer EUR 31.000, netto ca. EUR 20.000. Von diesen 20 Jahren, die der durchschnittliche Arbeitnehmer mit einem einfachen Arbeitsweg von 20 Kilometern für sein Auto und alle damit verbundenen Kosten aufgebracht hat, arbeitete er also immerhin 3,5 Jahre! Hochgerechnet auf 40 Arbeitsjahre gehen für den Beispielarbeitnehmer also sieben Jahre drauf, nur um sein Auto zu finanzieren, mit dem er zur Arbeit fährt.

Die Folgen

Da heutzutage die meisten Menschen „mobil“ sind und ein Auto haben, richtet sich die Struktur, also die äußerlichen Gegebenheiten, danach aus. Waren früher kleine Lebensmittelläden um die Ecke, die jeder leicht zu Fuß erreichen konnte, werden heute neue Gewerbegebiete vor den Toren der Städte und Gemeinden hochgezogen, an denen sich Supermärkte und Einkaufszentren niederlassen. Die Folgen sind, dass die Zentren kleinerer Städte ausbluten und an (Lebens-) Qualität verlieren, und dass große Unternehmen immer größer werden, Kleine hingegen Pleite gehen.

Mit dem Auto kann man keineswegs Zeit sparen

Zunächst muss man sehr viel Zeit aufwenden, damit man sich ein Auto kaufen kann. […] Man kann durch die Erhöhung der Geschwindigkeiten im Verkehrssystem keine Zeit sparen. Die Mobilitätszeit ist eine ziemlich harte Systemkonstante. D.h. wenn in einem System Geschwindigkeiten erhöht werden, verändert sich die Struktur. Man hat weniger in der Nähe, und das was früher in der Nähe war, konzentriert sich irgendwo in der Ferne. Man hatte früher z.B. seine Freunde, Freizeitmöglichkeiten, Geschäfte und Arbeitsplätze in der Nähe. Das fällt heute weg, dafür steht das Auto da. Mit dem Auto ist man schneller unterwegs. Dafür gibt es weiter entfernte Einkaufsmöglichkeiten, Arbeitsplätze etc. Die schnellen Verkehrssysteme verändern die Strukturen.

Der Fußgänger macht den Menschen mächtig. Das Auto macht die Konzerne mächtig. Und die Konzerne stehlen uns die Zeit. Physische Immobilität ist zwangsläufig zukunftsfähiger, weil wir weniger Energie verbrauchen, weniger Ressourcen vergeuden, weniger die Umwelt verschmutzen und rücksichtsvoller zur Gesellschaft sind. Physische Immobilität heißt auch nicht, dass wir fest einbetoniert sind, sondern dass wir uns aus eigener Kraft, zu Fuß, in einem angenehmen lebenswerten Umfeld sozial verträglich und hoffnungsfroh bewegen können.

Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner und Zivilingenieur über Autos und Zeit (aus dem Film Unendlich Jetzt)

Vernetzt und überall

Michael Schumacher Rennfahrer SkiunfallDurch die komplett vernetzte Welt werden Meetings global abgehalten, d.h. man jettet per Flugzeug mal für 1-2 Tage zum Meeting nach Frankfurt, Zürich oder Wien. Und ein bis zweimal im Jahr besucht man die Geschäftspartner in Fernost. Natürlich darf auch die Reise auf die Malediven mit der Familie mindestens einmal im Jahr nicht fehlen. Die grenzenlose Mobilität ist das normalste der Welt geworden und breitet sich im Zuge der Globalisierung immer weiter aus. Wirtschaftlich wettbewerbsfähig im Zuge der Globalisierung sind nur noch Ballungszentren mit gut erreichbaren Flughäfen, Autobahnen und Hotels. Alles andere ist uninteressant und muss infolgedessen infrastrukturtechnisch auf den neuesten Stand gebracht werden, koste es, was es wolle.

Die Folgen

Die Folgen der Mobilität sind jedoch verheerend auf unsere Gesundheit (Feinstaub, krebserregende Partikel, steigende Gesundheitskosten), unsere Umwelt (Treibhausgase, Klimafolgen, enormer Ressourcenverbrauch endender Rohstoffe, Grundwasserverschmutzung) und bezüglich der Stressfaktoren, denen wir automatisch ausgesetzt sind (Staus, Wartezeiten, Zeitverlust). Im Flugverkehr sind es u.a. Fluglärm, Schadstoffemissionen, Energieverbrauch, Grundwasserabsenkung und Flächenverbrauch, was erhebliche ökologische Probleme verursacht.

Was tun?

Würden aber alle Arbeitnehmer und Arbeiter ihr Auto stehen lassen und verkaufen, dafür die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, gebe das ein heilloses Durcheinander. Und selbst wenn sie dafür irgendwann ausgerichtet wären, würden die Ticket-Preise wohl explodieren. Die Nutzung von Home-Offices hingegen ist eine gute Möglichkeit, kurzfristig, um die Fahrtkosten zu minimieren und Zeit zu sparen.

Nicht alles, was uns als Fortschritt verkauft wird, sollte man einfach so als unseren Vorteil hinnehmen. Lieber mal hinterfragen und dahinter sehen. Welche Interessen könnten wohl dahinterstehen? Ich erspare mir jedoch an dieser Stelle mich in Details zu stürzen, denn das kann sich jeder selbst ausmalen. Die Autoindustrie ist nicht die einzige Sparte, würde nun aber die gefährdeten Arbeitsplätze ins Spiel bringen, wenn weniger Autos verkauft würden. Stimmt kurzfristig gesehen. Das Kernproblem basiert jedoch auf dem auf unendlichem Wachstum basierenden Wirtschafts- und Finanzsystem. Doch das Wachstum hat seine Grenzen, irgendwann.

Ent-fernung von sich selbst

Die Ent-fernung der Menschen von der Arbeitsstelle steht auch stellvertretend für die Ent-fernung des Menschen von sich selbst. Der Mensch entfernt sich immer weiter von seinem innersten Kern, je weiter die Strecken sind, die er tagtäglich zurücklegt. Weitere Strecken bedeuten weniger Zeit für sich selbst. Es scheint, als würde der Mensch alles dafür tun, um möglichst weit weg von sich zu sein, damit er nicht mit sich selbst konfrontiert wird. Umgeben von Asphalt und Stahl verliert der Mensch auch zunehmend den Kontakt zur Umwelt und zur Natur, was ihn einst erden konnte, ihm Energie und Kraft schenkte – und ihm jetzt fehlt. Ein Zu-sich-selbst-kommen kann hier Wunder wirken, und die Frage, was man wirklich braucht, zum Leben und für sich selbst.

Der Autofahrer – das andere Lebewesen

Der Autofahrer ist ein anderes Lebewesen, er unterscheidet sich vom Menschen grundlegend. Der Mensch ist ein aufrecht gehender Zweibeiner, der Autofahrer ist ein sitzender Vierbeiner. Er braucht alle vier Gliedmassen, damit er sich mit dem Auto bewegen kann. Er sitzt in einem geschützten Raum. D.h. er fällt im Wesentlichen in der Evolution zurück unter die Stufe von Insekten. Autofahrer sind evolutionär weiter vom Menschen entfernt als Insekten. Es gibt keine Insekten, die sich im natürlichen Umfeld so schnell bewegen, dass sie sich selbst töten. Autofahrer machen das. Es gibt keine Insekten, die die Lebensräume ihrer Nachkommen aus eigener Bequemlichkeit zerstören. […] Die Kommunikationsform der Autofahrer ist ähnlich wie der der Insekten: Hupen und Blinken. Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner und Zivilingenieur über Autos und Zeit (aus dem Film Unendlich Jetzt)

Bilder: Gehvoran.com (Beitragsbild), Fotolia.de (Bild Formel1)

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Sandra says:

    Bewegung und Mobilität
    Zugvögel bewegen sich linienförmig von A nach B.
    Andere kreisen und nutzen die Winde um sich nach oben zu schrauben, lassen alles wirken und stürzen im richtigen Moment auf ihr Ziel.

    Ein Auto kann so und so benutzt werden. Typische PKW-Fahrer und Touristen planen alles vorab für A nach B, Zeit, Strecke, Komfort … Andere sind eher Traveler fokussieren den Weg, da dieser das Ziel – sind offen und daher mobil beweglich.

    Welche Verhaltensweise ist besser geeignet, um mit diesem normalen Zustand der Komplexität (der schon immer ist, nur offensichtlicher wird) umzugehen? Aus welcher Weltanschauung heraus, hast du Angst davor?

  2. 2
    Sandra says:

    Jeder Mensch hat natürliche Instinkte. Eine Planung, die diese unterminiert, ist natürlich nicht so gewinnbringend. Zum einen kann diese im Nu durch die Komplexität der Einflüsse kaputt gemacht werden, zum anderen erreichst du so nie deine(n) wahre(n) Bestimmungsort(e) – der dir den Grund deiner Unternehmung eröffnet, bist selbst wenn du davor ständest, nicht in der Lage diesen zu erkennen.

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