Der Mythos vom ständigen „Leben in der Gegenwart“

05 Jun 2015 Von Kommentare: 3 Bewusstsein, Spiritualität

Alm

Wie würdest du dein Lebensgefühl beschreiben? Nicht nur einzelne Menschen sondern jede Epoche hat ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Mal ist das Lebensgefühl durch eine große materielle Not geprägt, ein andermal durch Katastrophen wie Krieg, dann wieder durch Entdeckungen und Erfindungen… Für unsere Generation ist der „Zeitfaktor“ sehr prägend für das Lebensgefühl geworden, und das auf sehr unterschiedliche Weise. Vor ca. 15-20 Jahren wurde Zeit sehr stark mit Effektivität verbunden. Wie kann ich Ziele setzen, die Zukunft planen und mehr in weniger Zeit tun. Seminare und Motivationstrainer hatten als Thema “Alles ist möglich”, “Der Schlüssel für den nächsten Level” usw.

Seit geraumer Zeit hat sich auf dem Markt der Seminare jedoch ein anderer Blickwinkel durchgesetzt:
Lebe im JETZT! “Die Kraft der Gegenwart”, “Der Moment ist Heilig”, “Achtsamkeit leben” – das sind die Buchtitel und Seminarüberschriften.

Ich persönlich halte dies für eine sehr wichtige Betonung und glaube, dass wir Menschen in der westlichen Gesellschaft hier einen großen Nachholbedarf haben. Aber das Leben “in der Gegenwart” muss integriert werden in die anderen beiden Zeitdimensionen: Vergangenheit und Zukunft.

Gestern, Morgen und der Moment “dazwischen”

Gestern
Meine Großmutter ist 96 Jahre alt geworden und ich habe sie sehr geliebt. Sie war eine wunderbare Frau, die bis in ihr hohes Alter sehr interessiert war am Leben. Leider hatte sie aber in den letzten Jahren nicht geschafft, einen gewissen Abstand zur Vergangenheit zu bekommen. Ständig kreiste sie um bestimmte Erlebnisse die sie nicht loslassen konnte und war dadurch im Durchleben von Vergangenem gefangen.

Menschen, die ständig in der Vergangenheit leben, können nicht lebendig im Jetzt leben und verpassen das Schöne, was direkt vor ihnen liegt.

Morgen
Wer hingegen überwiegend auf das Morgen wartet, auf den nächsten Urlaub, den nächsten Karrieresprung, auf die Rente, der opfert seine Gegenwart, die er jetzt hat, einer Zukunft, die er noch nicht hat – oder vielleicht auch nie erleben wird!

Das Beschäftigen mit der Zukunft ist tatsächlich nur dann sinnvoll, wenn ich auch ganz in der Gegenwart leben kann. Denn wenn ich die Gegenwart immer nur als Zwischenstufe für den nächsten Tag sehe, kann ich nie den heutigen Tag wirklich erleben und genießen.

Wer immer auf den nächsten Abschluss oder Karrieresprung wartet, auf die nächste Beziehung, den nächsten Urlaub oder die Rente, der opfert seine gewisse Gegenwart einer ungewissen Zukunft, die er wahrscheinlich nicht mal dann genießen kann, wenn sie komplett nach seinen Wünschen eintritt. Denn schon bald kämen die nächsten Wünsche, die er verwirklichen will. Und somit erscheint der heutige Tag wieder nur als Zwischenstufe, die ihm im Weg ist.

Der Moment “dazwischen”
Das Jetzt, der Moment, die Präsenz, die Gegenwart – ist alles, was wir haben. So wird es oft formuliert. So wichtig ich diesen Ansatz finde, ist er jedoch kein Allheilmittel.

Um mit allen drei Zeiten gut umzugehen, ist es gut, im Rhythmus mit den Jahreszeiten zu leben; und zwar der Rhythmus von Tag, Woche und Jahr.

Der elementarste Rhythmus den wir in unserem Leben spüren können ist der Wechsel von Licht und Dunkel, also Tag und Nacht. Der Umgang mit diesem vorgegeben Grundrhythmus entscheidet über unser Lebensgefühl und Schaffenskraft.

WildnisEine alte Regel lautet:
Der Morgen wird am Abend gewonnen.

Auch wenn der eine eher ein “Nachtmensch” ist und der andere ein “Morgenmensch” – die Frage, ob ich am Morgen frisch in den neuen Tag starten kann, wird am Abend entschieden.

Ich habe lange Zeit den Abend genutzt, um bestimmte Dinge zu erledigen, die nicht so viel Konzentration brauchen. Einige Mails beantworten, ein paar Checklisten durchgehen… Inzwischen mache ich das kaum noch. Ich versuche vor dem zu Bett gehen bewusst abzuschalten und den Tag loszulassen. Manchmal gelingt mir sogar ein kurzer Abendspaziergang im Freien und ich merke dann, wie die Schlafqualität tatsächlich zunimmt. Der Schlaf ist für mich nicht nur ein Erholen vom vergangenen Tag sondern ein bewusstes Vorbereiten auf den neuen Tag.

Der nächste natürliche Rhythmus ist die Woche.

Auch wenn dieser Rhythmus nicht von der äußeren Natur vorgegeben ist, so spiegelt er doch die biblische Schöpfungsgeschichte wieder – 6 Tage Arbeit, dann ein Tag Ruhe. Irgendwie scheint das eine Ordnung zu sein, die dem Kräftehaushalt von uns Menschen angemessen ist. Hier bin ich nicht ganz so gut. Ich schaffe es nicht immer, einen ganzen Tag als “Sabbat” zu nutzen. Aber in der Regel nehme ich mir den Sonntag Nachmittag und Abend, um ganz zur Ruhe zu kommen und auch die Woche bewusst abzuschließen.

Manchmal schreibe ich Tagebuch, um über das wichtigste noch mal nachzudenken und im Gebet vor Gott zu bewegen. Der Jahresrhythmus mit seinen Jahreszeiten nehmen wir wohl war, aber nutzen ihn wenig zur Lebensgestaltung – abgesehen von der Urlaubsplanung. Aber auch diese eher groben Markierungen sind eine Hilfe.

Im Frühjahr zu Ostern nehme ich mir z.B. eine Woche, in der ich mit unterschiedlichen Fastenarten und viel Stille den Winter abschließe. Auch plane ich – meist im Herbst – ein paar zusammenhängende Tage ein, um mich vom Alltag zurück zu ziehen und meine Lebensvision zu schärfen.

Ich brauche also alle drei Zeiten:

Die Vergangenheit, aus der ich lernen kann und durch die ich verstehe, warum ich mich im Moment so fühle wie ich mich fühle, warum ich so denke, wie ich denke…. Sie ist meine ganz persönliche Biographie und Vermächtnis.
Die Gegenwart, in der wir atmen, sehen, schmecken, hören, riechen, fühlen, denken und handeln.
Die Zukunft, auf die wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten vorbereiten, um in ihr eine angenehme Gegenwart zu erleben und uns bewusst weiterentwickeln zu können.

Das richtige Maß finden

Wie gehst du mit den Rhythmen, Prioritäten und Zeiten des Lebens um? Gibt es eine Zeitdimension, die du stärker betonen solltest?

Hier eine Überlegungshilfe:

1. Schwerpunkt sollte die Gegenwart sein: Ganz bei dem sein, was ich gerade tue und erlebe. Das Bewusstsein schulen, den Körper, die Gedanken, die Gefühle, die Sinneseindrücke von außen wahrnehmen, statt unsere Energie überwiegend in Erinnerungen, Träume und Sorgen zu investieren.

2. Sich über meine Ausrichtung bewusst werden: reflektiere ich gerade Vergangenes, nehme ich den Moment wahr oder denke ich an Zukünftiges?

3. Die Zeiten nicht „mischen“: Multitasking kann zwischendurch nötig und nützlich sein. Im Umgang mit den Zeiten ist es jedoch besser, wenn wir ganz in einer Zeitdimension sind. Nimm dir bewusst Zeit, um dich in der Vergangenheit zu bewegen (Tagebuch führen ist eine ausgezeichnete Hilfe!), Nimm dir bewusst Zeit für Zukunftsplanung. Vergrößere den Raum der Gegenwart.

4. Den Rhythmus der Jahreszeiten ehren: es gibt Zeiten, in denen wir verstärkt zurück schauen, dann Zeiten in denen wir nach vorne blicken, Träumen und Planen und dann der Moment, in dem sich das tatsächliche Leben abspielt. Lebenskunst heißt auch, diesen Rhythmus wahrzunehmen und darin “tanzen” zu lernen.

Copyright: © Jan von Wille

Bilder: Gehvoran


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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Peter says:

    Danke für diesen ausgewogenen Blick!
    Meine Beobachtung ist, dass je älter Menschen werden, desto stärker leben sie in der Vergangenheit – WENN nicht in den Jahren davor die Haltung der Achtsamkeit und des Loslassens eingeübt worden ist…..
    LG
    Peter

  2. 2
    Cornelia Groß says:

    Das ist sehr wichtig, zu lernen, im JETZT zu sein. Leider ist das vielen Menschen nicht bewußt. Auch ich habe schon oft erlebt, dass gerade ältere Menschen oft nur noch in ihrer Vergangenheit leben und kaum noch ein anderes Thema in ihr Bewußtsein kommt. Selbst bei meinem 80- zig jährigem Vater, der sehr gebildet war (Mediziener) spricht fast ausschließlich über seine Vergangenheit. Manchmal denke ich, dass diese Menschen kein Leben im Jetzt mehr haben. Diese Menschen verschenken meiner Meinung nach ihre Lebenszeit und ihre Lebensquallität. Sicherlich ist der Blick nach innen, eines der wichtigsten Dinge und jeder denkt auch mal an seine Vergangenheit, bei mir ist es so, dass mir plötzlich Sachen aus meiner Kindheit einfallen, von denen ich dachte nichts mehr zu wissen. Aber trotzdem lenke ich mein Haupaugenmerk auf das Jetzt und hier, ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch daran arbeiten könnte, aber ohne das Bewußtsein und die Sensibilität, merken diese Menschen es nicht.

  3. 3
    einfachnursein says:

    Vielleicht sollte man nicht außer Acht lassen, in welcher Zeit die jetzt „alten Menschen“ gelebt haben. Und welche Möglichkeiten und welche Hilfe diese Menschen hatten jenes zu verarbeiten … im übrigen ist das Leben ähnlich einem Mandala und am Ende gehen wir alle in die Mitte, den Ursprung zurück

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