Das große Geheimnis der Indianer

20 Jul 2015 Von Kommentare: 4 Altes Wissen, Naturvölker, Weisheiten

Der Ureinwohner Amerikas verband seinen Stolz mit einer außergewöhnlichen Demut. Überheblichkeit war seinem Wesen und seiner Lehre fremd. Er erhob niemals den Anspruch, dass die Fähigkeit, sich durch Sprache auszudrücken, ein Beweis für die Überlegenheit des Menschen über die sprachlose Schöpfung sei; ganz im Gegenteil, er sah in dieser Gabe eine Gefahr. Er glaubte fest an das Schweigen – das Zeichen vollkommener Harmonie. Schweigen und Stille stellten für ihn das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele dar.

Wenn du den Indianer fragst: „Was ist Stille?“, wird er dir antworten: „Das Große Geheimnis.“ „Die heilige stille ist Seine Stimme“. Und wenn du fragst: „Was sind die Früchte der Stille?“, so wird er sagen: „Selbstbeherrschung, wahrer Mut und Ausdauer, Geduld, Würde und Ehrfurcht.“ „Hüte deine Zunge in der Jugend“, sagte der alte Häuptling Wabashaw, „dann wirst du vielleicht im Alter deinem Volk einen weisen Gedanken schenken.“

Als ich ein Kind war verstand ich zu geben und zu teilen; seit ich zivilisiert wurde, habe ich diese Tugenden verlernt. Ich lebte ein natürliches Leben, jetzt lebe ich ein künstliches. Damals war jeder hübsche Kieselstein für mich kostbar, und ich hatte Ehrfurcht vor jedem Baum.

Ehrfurcht

Im Leben eines Indianers gab es eine Pflicht, auf deren Erfüllung er nie vergaß – die Pflicht, jeden Tag im Gebet das Ewige und Unsichtbare zu ehren. Wann immer er auf seiner täglichen Jagd auf ein Bild ehrfurchgebietender Schönheit stößt – eine Regenbogenbrücke vor einer schwarzen Gewitterwolke über den Bergen; einen weißschäumenden Wasserfall im Herzen einer grünen Schlucht; eine weite Prärie, vom Sonnenuntergang blutrot angestrahlt – , verharrt der rote Jäger einen Augenblick in anbetender Haltung.

Alles, was er tut, hat für ihn religiöse Bedeutung. Er spürt den Geist des Schöpfers in der ganzen Natur und glaubt, dass er daraus seine innere Kraft erhält. Er achtet das Unsterbliche im Tier, seinem Bruder, und diese Ehrfurch führt ihn oft so weit, dass er den Kopf eines erlegten Tieres mit symbolischer Farbe oder mit Feder schmückt. Dann hält er die gefüllte Pfeife hoch – als Zeichen, dass er auf ehrenhafte Weise den Geist seines Bruders befreit hat, dessen Körper zu töten er gezwungen war, um selber weiterzuleben.

Ohuyes, Dakota Indianer (Charles Alexander Eastman), Arzt und Schriftsteller aus dem Volk der Dakota, arbeitete nach seiner Promotion drei Jahre als Arzt in der Pine Ridge Reservation in Süddakota und war Zeuge des Massakers von Wounded Knee. Als er gegen die Missstände in der Reservation auftrat, wurde er gezwungen, seine Stelle aufzugeben. In seinen Büchern wollte er Wert und Würde der indianischen Lebensart aufzeigen und den weißen Lesern bewusst machen, dass die Ureinwohner Amerikas keine „Wilden“ waren.

Stille

Erziehung zur Stille, zum Schweigen begann schon sehr früh. Wir lehrten unsere Kinder, still zu sitzen und Freude daran zu haben. Wir lehrten sie, ihre Sinne zu gebrauchen, die verschiedenen Gerüche aufzunehmen, zu schauen, wenn es allem Anschein nach nichts zu sehen gab, und aufmerksam zu horchen, wenn alles ganz ruhig schien. Ein Kind, das nicht stillsitzen kann, ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben.

Übertriebenes, auffälliges Benehmen lehnten wir als unaufrichtig ab, und ein Mensch, der pausenlos redete, galt als ungesittet und gedankenlos. Ein Gespräch wurde nie übereilt begonnen und hastig geführt. Niemand stellte vorschnell eine Frage, mochte sie auch noch so wichtig sein, und niemand wurde zu einer Antwort gezwungen. Die wahrhaft höfliche Art und Weise, ein Gespräch zu beginnen, war eine Zeit gemeinsam stillen Nachdenkens; und auch während des Gespräches achteten wir jede Pause, in der der Partner überlegte und nachdachte. Für die Dokata war das Schweigen bedeutungsvoll. In Unglück und Leid, wenn Krankheit und Tod unser Leben überschatteten, war Schweigen ein Zeichen von Ehrfurcht und Respekt; ebenso, wenn uns Großes und Bewundernswertes in seinen Bann schlug. Für die Dakota war das Schweigen von größerer Kraft als das Wort.

Luther Standing Bear, Dakota Indianer. Mit Gewalt versuchte man, aus Indianern „zivilisierte Amerikaner“ zu machen. Die Kinder durften ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen, sie mussten ihre Kultur vergessen und mit der Kleidung auch Gedanken und Gefühle wechseln… Luther Standing Bear, aus dem man ebenso einen zivilisierten Amerikaner machen wollte und der in einer amerikanischen Schule erzogen wurde, kehrte 1931 in das Rosebud-Reservat zurück und war erschüttert über das Elend und über den körperlichen, geistigen und seelischen Verfall seines Volkes, dem man alles genommen hatte, auch die eigenen moralischen Werte. In einem seiner Bücher, „Land of the Spotted Eagle“, beschrieb er die hochstehende alte Kultur der Sioux-Indianer.

Indianer und Vogel vor SonnenuntergangGeist, Leben, Atem und Neuwerdung

Lasst uns alle hier niedersitzen in der freien Prärie, wo wir keine Straße und keinen Zaun sehen. Setzen wir uns nicht auf eine Decke, unsere Körper sollen den Boden spüren, die Erde, den Widerstand der Stauden, die sich unserer Berührung anpassen. Das Gras soll unsere Matratze sein, damit wir seine Schärfe spüren und seine Weichheit. Lasst uns wie Steine sein, wie Pflanzen und Bäume. Lasst und Tiere sein, lasst uns denken und fühlen wie sie.

Horch die Luft! Du kannst sie hören, sie spüren, sie riechen und schmecken. Woniya wakan, die heilige Luft, die alles mit ihrem Atem erneuert. Woniya, woniya wakan: Geist, Leben, Atem, Neuwerdung – das Wort bedeutet all dies. Woniya – wir sitzen nebeneinander, wir berühren uns nicht, aber etwas ist da; wir fühlen, dass etwas in unserer Mitte gegenwärtig ist. Das ist ein guter Anfang, um über die Natur nachzudenken und über sie zu reden. Aber reden wir nicht nur ÜBER sie – reden wir MIT ihr, sprechen wir mit den Flüssen, den Seen und den Winden wir mit unseren Verwandten.

Unnatürlich Leben

Ich habe den Eindruck, die weißen Menschen fürchten sich so sehr vor der Welt, die sie selbst geschaffen haben, dass sie diese nicht mehr sehen, fühlen, riechen oder hören wollen. Regen und Schnee auf dem Gesicht zu spüren, von einem eisigen Wind wie erstarrt zu sein und an einem rauchenden Feuer wieder aufzutauchen, aus einer heißen Schwitzhütte zu kommen und in einen kalten Fluss zu tauchen – diese Erfahrungen zeigen dir, dass du lebst. Aber ihr wollt das gar nicht mehr empfinden. Ihr wohnt in Kästen, die Sommerhitze und Winterkälte aussperren, ihr lebt in einem Körper, der seinen Geruch verloren hat, ihr hört den Lärm aus der Hi-Fi Anlage anstatt den Klängen der Natur zu lauschen, euch, die ihr längst verlernt habt, irgend etwas selbst zu erleben. Ihr esst Speisen, die nach nichts schmecken. Das ist euer Weg. Er ist nicht gut.

Achtung und Vertrauen aller Generationen

Die letzten Jahre war ich für den Sonnentanz verantwortlich und leitete Zeremonien, aber diesmal habe ich die Aufgabe einem jüngeren Medizinmann übertragen, dessen Lehrer ich war. Vielleicht ist das mein Opfer, das ich heute bringe – ich verzichte auf meine Macht, gebe sie weiter, überlasse die Ehre jemand anderem. Bei uns Sioux gibt es keine Kluft zwischen den Generationen, wie man sie bei euch findet. Wir halten es für richtig, unsere jungen Leute so zu leiten, dass sie unseren Platz einnehmen können; das ist der Weg, den die Natur uns zeigt. Vielleicht ist diese Bereitschaft, mit den Jungen unsere Macht zu teilen, der Grund dafür, dass bei uns die Alten geliebt und geachtet werden und dass den Generationen das Gespräch miteinander leicht fällt.

Lame Deer, Dakota Indianer. Die Dakota glauben, dass die ganze Natur von einer geheimnisvollen göttlichen Kraft (“Wakan”) durchdrungen ist. Ihr Wort für die Gottheit, die Schöpferkraft, heißt „Wakonda“ oder „Wakan tanka“ = Großes Geheimnis.Lame Deer, dessen „weißer“ Name John Fire lautet, hatte einen weißen Freund, Richard Erdoes, der 1940 nach Amerika emigrierte. Ihm erzählte Lame Deer sein Leben, ihm erzählte er seine Gedanken.

Aus der Irokesenverfassung

Die Irokesen lebten in großen befestigten Siedlungen und waren ausgezeichnete Jäger, Krieger und Bauern. Ihr Zusammenschluss zu den „Sechs Nationen“ war eine staatsmännische Leistung ersten Ranges. So wie mehrere Familien friedlich in einem Langhaus zusammenwohnen, sollten die Stämme in dem Staatenbund vereint sein. Deshalb nannten sich die Irokesen „Das Volk des Langen Hauses“. Für „Frieden“ benützen sie dasselbe Wort wie für „Gesetz“, dieselbe Wortwurzel taucht auch in den Bezeichnungen für die Begriffe „edel, vornehm“ und „gut“ auf. Ihr Symbol für den Frieden ist ein Baum, der seine wurzeln in der Erde hat. Die Irokesenverfassung entstand viele hundert Jahre vor dem kommen des weißen Mannes. Sie vereinte Völker, deren Sprachen verschieden waren, und beeinflusste die amerikanische Verfassung, als sich die 13 Kolonien zu den Vereinigten Staaten zusammenschlossen.

Wir danken unserer Mutter, der Erde (Gebet der Irokesen)

Wir danken unserer Mutter, der Erde, die uns ernährt. Wir danken den Flüssen und Bächen, die uns ihr Wasser geben. Wir danken den Kräutern, die uns ihre heilenden Kräfte schenken. Wir danken dem Mais und seinen Geschwistern, der Bohne und dem Kürbis, die uns am Leben erhalten. Wir danken den Büschen und Bäumen, die uns ihre Früchte spenden. Wir danken dem Wind, der die Luft bewegt und Krankheiten vertreibt. Wir danken dem Mond und den Sternen, die uns mit ihrem Licht leuchten, wenn die Sonne untergegangen ist. Wir danken unserem Großvater He-no (Schutzgeist, der den lebenspendenden Regen schenkt, Anm. d.R.), der uns, seine Enkelkinder, schützt und uns seinen Regen schenkt. Wir danken der Sonne, die freundlich auf die Erde herabschaut. Vor allem aber danken wir dem Großen Geist, der alle Güte in sich vereint und alles zum Wohl seiner Kinder lenkt.

Mahnung an die Häuptlinge

O Häuptlinge! Tragt keinen Zorn im Herzen und hegt gegen niemanden Groll. Denkt nicht immer nur an euch selber und an eure eigene Generation. Vergesst nicht, dass nach euch noch viele Generationen kommen werden, denkt an eure Enkelkinder und an jene, die noch nicht geboren sind und deren Gesichter noch im Schoß der Erde verborgen liegen.

Quelle: Aus dem Buch „Weisheit der Indianer“ von Käthe Recheis und Georg Bydlinski, eine Zusammenstellung von Texten und Zitaten der Indianer, Orbis Verlag, ISBN-13: 978-3572007059

Bilder: Fotolia.de

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4 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    frieda says:

    Ein toller Text!!! Ja, das nervöse und oft halbgare Geschwätz der „zivilisierten“ Länder ist wohl eher nicht so der Bringer… Klar kann man auch mal dummes Zeug reden, Spass haben und Rumkaspern ist auch sehr gesundheitsfördernd – aber wenn’s um gewichtigere Dinge oder/ und Gefühle/ Befindlichkeiten geht, ist doch gut, wenn man nicht leichtfertig was absülzt oder klugschnackt, sondern genau hinschaut… Und ja – so direkt auf dem Boden/ Gras/ usw. sitzen hat wirklich was – oder auf Baumstämmen, das ist auch sehr gemütlich.
    Grüssle, frieda

  2. 2
    thom ram says:

    Der Text hilft.
    Danke!
    Ich stelle den Anfang davon ein in bumibahagia.com und verlinke den Artikel. Ich hoffe, das ist trotz des angemahnten strengen deutschen Urheberrechtes in Eurem Sinne.

  3. 3
  4. 4
    Alex MIller / Gehvoran Alex MIller / Gehvoran says:

    @ thom ram,
    na klar, liebe Menschen dürfen das immer 😉
    Wenn die Quelle genannt und verlinkt wird ist das gar kein Problem.

    Danke!

    Lg
    Alex

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