Religiöse Versöhnung mit den indigenen Völkern

13 Jul 2015 Von Kommentare: 0 Altes Wissen, Naturvölker

„Im Namen Gottes sind viele schwere Sünden gegen die Ureinwohner Amerikas begangen worden.“ Diese bemerkenswerten Worte sprach Papst Franziskus bei seinem aktuellen Besuch in Bolivien. Die Eroberungszüge in der Kolonialzeit gehören zu den schlimmsten Verbrechen auf diesem Planeten. In den ersten 50 Jahren nach der Entdeckung Amerikas durch die katholischen Spanier mussten bereits eine Million Indianer im karibischen Raum ihr Leben lassen. Männer, Frauen und Kinder wurden auf grausamste Weise ermordet, starben durch Zwangsarbeit oder an Infektionen. Nach 150 Jahren wurden in ganz Amerika 100 Millionen Menschen getötet. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von über 90 Prozent der Ureinwohner Amerikas (Zahlen von Südwestpresse, 2.5.92 ).

Papst Johannes Paul II war 1992 der erste Pontifex, der sein Bedauern für den Schmerz und das Leid der Ureinwohner ausdrückte. Papst Franziskus (im Bild) wählte noch wesentlich deutlichere Worte und bat ausdrücklich um Vergebung:

„Im Namen Gottes sind viele schwere Sünden gegen die Ureinwohner Amerikas begangen worden. Ich bitte demütig um Vergebung, nicht nur für die Vergehen der Kirche an sich, sondern auch für Straftaten, die gegen die einheimischen Völker während der sogenannten Eroberung von Amerika verübt wurden“ (nzz.ch)

Das Leid der Ureinwohner kann man nicht mehr rückgängig machen, die Toten nicht mehr zum Leben erwecken. Aber der Akt der Vergebung, wenn er von Herzen kommt, ist die effektivste Methode, Frieden auf der Welt zu manifestieren. Papst Franziskus´ Bitte um Vergebung und die Reaktion der Ureinwohner Amerikas soll allen anderen (einst) verfeindeten Völkern und Menschen als Beispiel für Frieden dienen. „Wir akzeptieren die Entschuldigungen. Was können wir noch mehr von einem Mann wie Papst Franziskus erwarten?“, sagte Adolfo Chavez, spirituelles Oberhaupt eines indigenen Stammes aus der bolivischen Tiefebene und Präsident der „Confederation of Indigenous Peoples of Bolivia“.

Erste Entschuldigung der christlichen Kirchen wurde 1987 von den indigenen Vertretern angenommen

Wasserfall USAIm Jahr 1987 geschah ein kleiner, aber wichtiger Schritt in Richtung einer religiösen Versöhnung, als eine kleine Gruppe von zehn führenden Vertretern christlicher Kirchen eine offizielle öffentliche Erklärung abfasste, die an die Stammesräte und die traditionellen spirituellen Führer der Indianer und Eskimos im pazifischen Nordwesten gerichtet war und feststellte: „Dies ist eine formelle Entschuldigung seitens der Kirche für ihre lange Beteiligung an der Vernichtung traditioneller spiritueller Praktiken der amerikanischen Ureinwohner“. Die Erklärung brachte ferner Anerkennung und Respekt gegenüber der traditionellen Lebensweise der Indianer zum Ausdruck und forderte den rechtlichen Schutz von Zeremonialobjekten und heiligen Orten. Die Kirchenführer bekannten, dass „wir den zügellosen Rassismus und die Vorurteile der herrschenden Kultur widerspiegelten und uns nur allzu bereitwillig damit identifizierten“.

Sie verpflichteten sich, den „American Religious Freedom Act“ von 1978 zu unterstützen. Dieses Gesetz bestätigt, dass die amerikanischen Ureinwohner das Recht und den Anspruch haben, traditionelle Zeremonien zu halten, zu ihren heiligen Orten zu gelangen und den Schutz zu erwarten sowie ihre religiösen Symbole (Federn, Tabak, usw.) bei traditionellen Zeremonien zu verwenden. Der öffentliche Brief endete mit dem Satz: „Möge der Gott Abrahams und Sarahs und der Geist, der im Volk der Zeder und im Volk des Lachses lebt, geehrt und gepriesen werden“. Einige Wochen nach dieser öffentlichen Entschuldigung wurde sie von den Sprechern der traditionellen Indianergemeinschaften dieses Gebietes öffentlich angenommen. (Quelle: Der Brunnen der Erinnerung, Ralph Metzner, Arun Verlag)

Herz siegt über Diplomatie

Psychologische Versuche untermauern, dass Versöhnungsrituale für Empathie und Verständnis förderlich sind. Nur wer die Geschichten der anderen Seite kennt, kann vielleicht nachvollziehen, welche Schicksale und Gegebenheiten im Leben und in der Vergangeheit der anderen präsent sind oder waren. Es geht nicht um diplomatisches und politisches Abwägen von Pro und Contra, sondern um die Sprache des eigenen Herzens, so wie bei den zehn Vertretern der christlichen Kirchen im Jahr 1978. Es müssen Menschen gewesen sein, die sich sehr intensiv mit ihrer eigenen Geschichte auseinander gesetzt haben und zu der Frage gekommen sind: Wie konnte es soweit kommen? Ihre Seelen konnten nicht ruhen, und ihre gemeinsame Entschuldigung an den Urvölkern kam direkt aus ihrem Herzen, mit reiner Absicht. Aufgrund des furchtbaren insgesamt 500 Jahre andauernden Leids kann man nur erahnen, wieviel Kraft und spirituelle Weisheit die heutigen Vertreter der indigenen Völker auf der anderen Seite in sich tragen müssen, um die Entschuldigungen vorbehaltlos anzunehmen. Kein Hass, kein Krieg, keine Vergeltung. Nur Vergebung. So kann Frieden auf der Welt entstehen.

Danke an die indigenen Völker – für euren Mut und euer Leuchten für die Welt!

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Bilder: Fotolia.de (Beitragsbild „Indianer“), Fotolia.de (Bild Unten „Landschaft“)

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