Toxische Wurzeln

29 Sep 2015 Von Kommentare: 3 Heilung, Ratgeber

Lausbub

Ein Jeder hat seine eigene Geschichte. Jeder von uns könnte Bücher füllen und erzählen, was ihn einst wie auch heute so bewegt hat und auch heute noch tut. Sich glücklich schätzen darf, wer Erinnerungen an eine scheinbar glückliche Kindheit verbuchen kann, wobei hier „Glück“ per se nicht einzeln definiert werden muss und kann. Für jeden bedeutet Glück etwas anders. Wichtig sind die positiven Gefühle, die mit unserer Vergangenheit einhergehen. Für jene aber, welche keine so gute Erinnerungen in sich tragen und selbige wie giftige Tentakel sie bis ins heutige Leben begleiten, sie gar fest im Griff haben, ihnen die Luft zum Atmen nehmen und sie im Alltag behindern, ihnen sei dieser Artikel gewidmet.

Toxisch

Bei uns in der Schweiz muss jeder Hundehalter eine theoretische und eine praktische Prüfung ablegen, wenn er einen Vierbeiner halten möchte. Wer Kinder möchte, kann dies ohne Prüfung tun, denn es ist ein Grundrecht. Wenn man aber die Kindheit anderer und natürlich auch seine eigene schonungslos prüft, muss man eingestehen, dass eine Prüfung wohl da und dort angebracht gewesen wäre. Die Folgen und die Last tragen die Kinder schonungslos bis ins Erwachsenenleben mit und nicht selten bis in den Tod. Dazwischen vergiften sie, wenn die Muster nicht erkannt werden, ihre eigenen Kinder und dies gänzlich unbewusst und bestimmt so in der Form auch nicht gewollt. Wenn die noch jungen Wurzeln einer Pflanze allmählich vergiftet werden, wird es die Pflanze später einmal schwer haben, gesund zu gedeihen. Wird sie es schaffen oder nicht? Nicht selten verkümmert sie vorher. Vielleicht aber kommt die rettende Hand, die das Pflänzchen behutsam mit all den feinen und sensiblen Würzelchen ausgräbt und liebevoll an einem neuen und geschützten Orte pflanzt, neu aufzieht und es mit Liebe und Geduld düngt. Doch solche Dinge geschehen meist nur in Märchen.

Drachen und Teufel

Als Kind ist man auf seine Eltern angewiesen, denn ohne sie ist man verloren in der grossen, weiten und kalten Welt. Solange die Kinderseele noch rein und noch nicht vom gängigen Schulsystem vereinnahmt und deformiert ist, findet es nicht selten Zuflucht in seiner eigenen Fantasiewelt. Vielleicht baut es sich rosa Burgen, eine Höhle unter dem Bett oder bastelt sich eine Baumhütte, spricht mit Engeln und sieht bei jeder Blume sitzend eine Fee, mit der es zu spielen weiss. Die Fantasiewelt bietet etwas Geborgenheit, eine heile Welt und Raum zum Vergessen. Vergessen jener Dinge, die vielleicht der betrunkene Vater mit ihm macht, wenn er wieder wütend ist. Irgendwann, so schwört sich das Kind, wird es seinen Fantasiedrachen soweit gezähmt haben, dass er es verteidigen wird und den bösen Teufel besiegt. Vielleicht kommt dann jemand und rettet es aus dem hohen Turme. Vielleicht gar die Mutter, welche jedoch vom Zorne des Vaters dermassen eingeschüchtert, ja fast gelähmt ist, unfähig ist, sich zu wehren.

Gefühle im Verlies eingesperrt

Kind mit Mond in der HandDoch die Mutter kam nie, auch nie die rettende Hand. Und so wurden all diese negativen Gefühle tief im Verlies eingeschlossen und treiben bis heute noch ihr Unwesen. Die Schulzeit brach an, danach erfolgte pflichtgemäss die Ausbildung. Man wurde ein vielleicht etwas rebellischer Teenager, wusste jedoch nicht genau, was einen wirklich bewegt. Später dann wurde man ein pflichtgetreuer Mitarbeiter in einem Grosskonzern. Man fiel nie auf, tat seine Arbeit und hoffte insgeheim, dass dann mal endlich der edle Ritter auf dem weissen Pferde dahingeritten käme oder aber aus Sicht des Mannes, eine tolle Prinzessin den lang ersehnte Aufschwung ins Leben bringe. Und fürwahr. Sie kamen auch. Schön getarnt. Als Mutter und Vater. Einem Fluch gleich, traten Menschen ins Leben, die seltsamerweise die gleichen Rollen intus hatten wie einst Vater und Mutter. Der neue Partner schlug vielleicht zu oder betrank sich, oder die neue Partnerin war überfürsorglich, erstickte jedes Leben im Keime. Man wiederholte diese Spielchen einige Male, bevor es dämmern sollte, dass das, was wir hier abziehen, nur eine billige Abklatschversion unseres kindlichen Daseins ist. Es sind die im Verlies eingesperrten Erfahrungen, die uns nun plagen. Sie wollten erlöst werden, andernfalls würden sie ihr Unwesen bis an unser Lebensende treiben. Doch wo ist der Schlüssel zum Verlies?

Schlüssel ist im Herzen

Um die Geister der Vergangenheit zu befreien, muss ein jeder in sein Herz finden. In sein Herz finden bedeutet meines Erachtens, lernen, zu sich selbst zu stehen, sich selbst zu lieben, sich selbst Mutter und Vater sein können. Gerade dann, wenn es uns richtig mies geht, gilt es diesen Zustand auszuhalten. Im Donner stehen bleiben und sich sogmässig runterziehen zu lassen. Sich nicht wehren, sondern abtauchen zum Ursprung, dahin, wo es einst so weh tat und dahin, wo alles kontaminiert ist und die Erde nicht bereit, Gesundes in unserem Leben gedeihen zu lassen. Liest man einschlägige Literatur oder folgt man gutgemeinten Ratschlägen einiger spirituellen Führer, sollte man den Eltern verzeihen und vergeben und dann alles loslassen, was uns bewegt. Dies mag alles einleuchtend klingen, aber meines Erachtens wird da das Wesentlichste vergessen und einfach ausgeklammert. Wir. Wo sind wir? Ist es damit getan, nur anderen zu verzeihen und sie freizulassen? An erster Stelle müsste doch endlich einmal dieses Kind kommen, das einst verletzt wurde und heute noch schwer verwundet seine Runden dreht.

Es tat weh, es hat mich verletzt, es war scheisse

Wie können wir in der Welt bestehen, wenn wir nicht für uns einstehen und zwar in erster Linie? Wenn wir also einfach verzeihen und vergeben, heisst dies, dass man dies schon mit uns machen kann. Ja, es war ok, du hast mich verletzt, aber du wusstest es eben nicht besser. Macht nix. Aber was tun wir mit solch einer Aussage übertragen aufs heutige Leben? Wir akzeptieren immer noch, dass andere uns beleidigen dürfen, uns treten und missachten und entschuldigen dies einfach so. Verzeihen und vergeben – ja! Unbedingt. Aber voran muss das Einstehen für sich selbst kommen. Eine Art Zugeständnis. Man darf es ruhig rausschreien! Ja, es war Scheisse, du hast mich verletzt, gedemütigt, getreten und mich alleine gelassen. Es war nicht in Ordnung! Doch du wusstest es nicht besser. Ich verzeihe dir und lasse dich frei.

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3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Martin says:

    Hallo zusammen,

    da kommt mir immer wieder das Gedicht „Das Leben, das ich selbst gewählt“ in den Sinn.
    Das entbindet natürlich keinen Elternteil, seine Kinder mit Anstand und dem richtigen Anteil an Respekt zu behandeln und erziehen.
    Aber immer mit der Vergangenheit hadern bringt nichts. Man kanns eh nicht ändern.
    Aber seine eigene Einstellung dazu. Und das ist doch der Kern unseres Lebens.
    Wie geh ICH mit vergangenen und aktuellen Situationen um, welche Lehren zieh ICH daraus und wie verhalte ICH mich zukünftig.
    Und das ist unser, wie oben gefragt: „Wo sind WIR (bzw. ICH)?“
    Daraus resultierend entsteht dann die Erziehung meiner Kinder.
    Aber wie so oft, scheitert dass an der Bequemlichkeit und Egoismus der Menschen.

  2. 2
    Silvia / Gehvoran.com Silvia / Gehvoran.com says:

    Hallo Martin.
    Danke für deine interessante und schöne Sicht.
    „Das Leben, das ich selbst gewählt……“
    In meinen Augen ein Gratwanderung. Alles darauf zu schieben, wäre zu einfach, denn man begibt sich eigentlich in die Opferrolle oder die Passivität, entschuldigt so alles, was mit uns geschieht, denn wir haben es ja einst selbst gewählt…. Ist dies wirklich so? Ich weiss es wirklich nicht. Man liest es überall, ja…. aber ist dies die Wahrheit oder einfach so übernommen?
    Vielleicht muss man auch durch die Dunkelheit gegangen sein, um das Licht zu sehen und rückblickend darf jeder das Geschenk darin erkennen? Ziel ist es wohl, gestärkt aus der Situation rauszugehen und es besser zu machen, für sich, die Kinder und alle nach uns und nicht zuletzt für die Erde. Die Welt ist voller verletzter „Kinder“, welche sich bekriegen.

    Dass man nichts ändern kann an der Vergangenheit ist richtig. Doch nur nach vorne schauen, ohne nochmals in die Dunkelheit zurückgegangen zu sein, kann unter Umständen dazu führen, dass uns eines Tages aus heiterem Himmel die Schatten der Vergangenheit einholen… und oft wissen wir gar nicht, was das ist, was uns runterzieht….

    Ich für meinen Teil habe entschlossen, mein Lebensbild selbst und neu zu malen, als aktive Erschafferin meines Daseins. Manchmal mag ich die „Bilder“, manchmal noch nicht – aber es sind meine 🙂
    Liebe Grüsse und schönen Tag dir
    Silvia

  3. 3
    Martin says:

    Hallo,

    stimmt schon, statisch zu werden aufgrund einer Sichtweise wie im Gedicht ist nicht zielführend.
    Aber wie oben geschrieben, entbindet mich das nicht aus meine anstehenden Aufgaben in diesem Leben.
    Ich habe vor meiner Inkarnation die Startvorgaben, groben Ablauf und Aufgaben gezeigt bekommen habe mit dem Hinweis:“Willst Du das wirklich?“. Bewusst gewählt, dass ist aber schon alles.
    Den weiteren Verlauf entscheid ich im Spiel selber.
    Ein Blick zurück schadet sicher nicht, denn ohne diese Erfahrungen kann ich keine neue Sichtweise für mich aufbauen.
    Nur viele Leute hadern zu viel und zu lange mit Vergangenem, suchen das Problem bei Anderen oder baden in Selbstmitleid.
    Und wenn jeder nur ein bisschen für sich mit seiner Vergangenheit aufräumt, kanns nur nach oben gehen.
    Im Kern läufts doch darauf hinaus, mit den Erfahrungen der Vergangenheit mein Tun im (hauptsächlich) Jetzt und Zukunft zu gestalten. Und alles, was ich mach zu hinterfragen.
    Und daran scheiterts bei den meisten Menschen (nehm mich nicht aus, alte Programme sind stark).
    Und mit der vielen Bequemlichkeit, Egoismus oder schlicht dem Ignorieren der Wahrheit entstehen dann diese vielen seelischen Wracks hier auf Erden.
    „Jeder ist seine Glückes Schmied“…..muss nur wollen.
    Zitat:

    Ich für meinen Teil habe entschlossen, mein Lebensbild selbst und neu zu malen, als aktive Erschafferin meines Daseins. Manchmal mag ich die “Bilder”, manchmal noch nicht – aber es sind meine 🙂

    So schauts aus

    Grüße

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