Der Kräuterpfarrer der besonderen Art

07 Okt 2015 Von Kommentare: 3 Allgemein, Sonstiges

Meine Davoser Pflegegrossmutter erweckte in mir einst die Liebe zur Natur und führte mich auf geheimnisvolle Weise in die Welt der Kräuter und Pflanzen ein. Sie selbst stellte Wundheilmittel her, damals vorzugsweise aus Bergarnika. Sie vermochte praktisch jede Wunde zu heilen. Innerlich wie äusserlich. Innerlich, indem sie stets ein offenes Ohr hatte und immer die richtigen Worte fand. Sie wurde 99 Jahre und 361 Tage alt, denn so sagte sie, 100 Jahre wolle sie nicht werden, denn dann käme die etwas lächerliche Stadtmusik ihretwegen, und dies wollte sie keinesfalls. Und so lebte sie bis kurz vor ihrem 100. Geburtstag in ihrer Wohnung und schlief mit einem Lächeln im Gesicht friedlich ein. Noch heute träume ich von ihr und manchmal treffen wir uns, tauschen uns aus. Sie inspiriert mich immer noch, wie auch jenes kleine Kräuterbüchlein von einem rebellischen Dorfpfarrer, welches sie mir hinterlassen hat.

Das Büchlein aus dem Jahre 1911 wurde geschrieben von Johann Künzle (1857 – 1945). Natürlich musste er sich schon damals als Pfarrer verteidigen, dass er den lieben Ärzten keinesfalls die Arbeit wegnehmen wolle mit seinem Naturwissen. Gerade früher waren die Wege bis zum nächsten Arzte weit und so wusste er das Leiden Mithilfe seines Kräuterwissens zu überbrücken. Neben seinem grossen Wissen aber fasziniert mich seine Art zu schreiben, zu sprechen. Freischnauze. Und dies damals! Ein grosses lächelndes „Wow“ von meiner Seite. Gerne möchte ich hier ein paar Stilblüten niederschreiben. Ich vermute, dass in seinen Aussagen eine gewisse Ungeduld besteht, oder vielmehr eine gewisse Ohnmacht über einige Menschen, welche mit Scheuklappen durchs Leben wandeln und nicht sehen, dass alles da ist. Einst wie heute.

Kräuterpfarrer Künzle…

…über Schokolade

„Sie nützt besonders Ärzten, welche dadurch eine zahlreiche Kundschaft bekommen. Sie bewirkt Verstopfung. Die Verstopfung ist die Mutter der Hälfte der Krankheiten. Schokoladenkinder werden mit der Zeit alle magenkrank. Wer die Gesundheit der Kinder verderben will, reiche ihnen oft Schokolade; wer sie fördern will, gebe ihnen Früchte aller Art, Nüsse, Feigen, Orangen, Datteln, Äpfel, Birnen. So, jetzt weisst du, was ich von Schokoladeschleckerei halte!“

…über den Fleischkonsum

„Fleisch! Fleisch! Fleisch! Fleisch am Mittag, Fleisch am Abend, ein Würstli zum Vesper, Fleisch, auch wenn es noch so teuer ist; Fleisch, auch wenn’s der Metzger kaum mehr auftreiben kann! Fleisch für die Kinder sogar! Fleisch, bis die Parlamente ratlos dastehen und nicht mehr wissen, woher bekommen!“

Fränkisches Bauernhaus…über Zementböden

„Hütet euch vor Zementböden! Es ist jetzt Mode, in Küchen, Gängen, Kellern, Waschküchen, Kirchen usw. Böden aus Zementplatten zu legen. Diese Böden sind für 90 Prozent der Personen, die dort stehen und gehen müssen, die Quelle fortgesetzter Leiden in Hals, Zähnen, Kopf, Schluck, verursachen ungeheuer viel Krämpfe, Rheumatismen, Hexenschuss, Ischias. Vom Oktober bis Mai soll man solche Böden nur wischen, nie fegen oder dann zum voraus Arztkosten und Schmerzensgeld verlangen.“

…über das Sauberhalten der Wohnung

„Es gibt Frauen, die sich mit dem Putzen nicht genug tun können. Kaum haben sie irgendwo aufgehört, fangen sie anderswo schon wieder zu rumoren an.“

…über Habermus, die Nahrung unserer Väter

„Herrje, Habermus, das mag i nöd! Warum nöd? Es schmeckt mer nöd! Aber schmeckt dir das Kopfweh, das Magenreissen, das Aufstossen und ein früher Tod? Schmecken dir die Pillen und Medikamente? Schmeckt dir die Doktorrechnung? An Habermuss gewöhnte Leute sind gesund wie Bulgaren, bei Humor wie der Geissbub, schlafen wie Bären, aber sind nicht bärbeissig oder stechig.“

Die Natur wartet auf uns

Dies nur ein paar lustige Auszüge aus einem seiner wirklich lehrreichen Bücher. Ich bin überrascht, wie tief sein Wissen über die Naturmedizin und die Zusammenhänge war und er damals schon von Dingen sprach, die für uns heute geradezu neu erscheinen. Ich bin überzeugt, dass alles schon da ist, das ganze Wissen und wir es einfach vergessen haben. Vergessen, in dieser schnelllebigen Zeit, wo uns kaum Zeit und Musse bleibt, um uns mit solchen Dingen zu beschäftigen. Es ist alles da. Es wartet auf uns. Wann machen wir uns auf den Weg?

Quelle:

Bilder: Fotolia #78006923 (Beitragsbild Blumen und Alpen), Gehvoran.com (Bild Unten „Bauernhaus in Franken“)

3 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    einfachnursein says:

    🙂 Hallo liebe Silvia, ein schöner Artikel und ein Hoch! auf unsere Großmütter! Meine geliebte Omi hat mir immer das Gefühl gegeben, dass ich so, wie ich bin, richtig bin. Sie war die einzige, die mir immer das Gefühl gegeben hat und dies immer noch tut: Ich werde geliebt und bin genau so richtig, wie ich bin!
    Das Büchlein hab ich doch gleich mal bestellt! Danke!
    Herzensgrüsse einfachnursein

  2. 2
    Silvia / Gehvoran.com Silvia / Gehvoran.com says:

    Liebe einfachnursein
    Ganz lieben Dank für Deine schönen Worte, hat mich grad sehr gefreut!
    Ja, das Büchlein ist echt Klasse! War erstaunt, dass es dieses noch gibt und eine Neuauflage gemacht wurde. Meines riecht so richtig nach 1911 inkl. einiger Handnotizen meiner Oma, so zB., dass der Winter 1974 / 75 in Davos 5,25 Meter Schnee mitbrachte. War glaub Rekord 🙂 Ebenso hat sie im Büchlein Stellen markiert, wo anscheinend für sie wichtig waren.
    Liebe Grüsse Silvia

  3. 3
    Emma-Katharina says:

    Danke für den Auszug aus dem Büchlein, Pfarrer Künzle war ein sehr weiser Mann.
    Ich praktiziere vieles und es tut mir sehr gut!
    Liebe Grüße
    Emma-Katharina

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