Septemberwind

27 Nov 2010 Von Kommentare: 3 Auszeit!, Spiritualität

Es war einer dieser wundervoll friedlichen Herbstsonntage, so verhalten und mild, mit einem endlos blauen Himmel, Vogelgezwitscher, zwischen Himmel und Erde, das Zirpen der Grillen im leicht bewegtem Gras, und trotzdem jener Stille, welche nur diese herbstlichen Tage hervorbringen können. Eben ein Sonntag, wie ich ihn liebe. Nach einem Mittagessen, in dem natürlich der „gesamte Garten“ vorhanden war, fand ich mich im Liegestuhl, vor mich hin sinnierend, wieder. Und ganz leise, nicht plötzlich war da jemand in meinem Kopf, leise angeschlichen und doch sehr präsent.

Es sollte eine Geschichte werden, aus Zuhören, hinfühlen und mitreisen. Einer Reise, welche er gerade hinter sich hatte, um in meiner, ein wenig fruchttragenden Quitte eine Rast einzulegen, um mir zu erzählen. Ein leiser Wind war es, der da zu mir kam, wie ein alter Bekannter, mitzuteilen von Eindrücken, die er erfahren hatte. Ein bisschen aufgeregt zwischendurch schien er schon zu sein, als er mir bedeutungsvoll zublies, wie er um die Gipfel des Nanga Parbat schoss, Eis und Schnee des Himalaja vor sich herwirbelte und hinter sich zu einer einsamen kalten weißen Decke alles zusammenfallen ließ, die sich, wie er mir versicherte in jeder Sekunde verändere, denn er hätte einen Teil von sich dort zurückgelassen.

Fließt nicht alles ineinander?

Im freien Fall entfernte er sich von diesem wundervollen Bergwesen, da die weite endlose Steppe wartete. Ja, Extreme, die mochte er. Ganz hoch, ganz tief… Ganz eng wie die Bergschluchten, ganz weit, wie die Ebene. Die Vögel über der Ebene liebten ihn. Er trug sie hinauf und immer höher, bis sie fast verschmolzen mit dem Blau des Himmels und ihm. Und er half ihnen über nahe Wege und weite Strecken. Sie vertrauten ihm und er enttäuschte sie nicht. Denn sie flogen mit ihm, nie gegen ihn. Jetzt, immer noch ein wenig rastlos, doch matt und behäbig im Kreise einer wilden Schar schimpfender Spatzen gab auch er sich der Ruhe und Stille dieses Sonntagnachmittags hin. Oh, ich hörte zu. Ich träumte und fühlte mit, wie sich unter ihm die Steppe öffnete, sie war weit, sie war einsam und doch so lebendig, so eben und holprig und beides gemeinsam.

Schwebend über allem nahm ich war, wie sanft und leicht sich das braune Steppengras bewegte. Diese nicht zu zählenden Brauntöne – ein jeder für sich eine Schönheit und harmonisch ineinander verflochten. Eine Weile verging und ich träumte mich an das Ufer eines Meeres. Es war das Meer der Delphine. Mein Wind in der ruhigen Umarmung der Quitte erzählte von einem gegenseitigem Streicheln.

Streichelte er die Flossen der Delphine, streichelte das Meer den Wind?
Streichelte der Wind die Wellen?
Floss nicht alles ineinander?

Septemberwind

Ein Geben und Nehmen – ohne Fragen, ohne Gedanken – Eine wundervolle Vorstellung!
Nur ein Fliessen ohne Mühe und Verantwortung. Nur Sein? Nur Wind?

Nein, auch sie erzählten sich von ihren Gefühlen und Erfahrungen

Von ihren Eindrücken, welche sie in diesem Teil dieses Meeres aufgenommen hatten. Diese sonnendurchflutete, kristalline Klarheit und Freiheit, durch die sie sich bewegten. Ein tiefes Gefühl von Frieden war da mit ihnen und in ihnen. Es war leicht, sich gestreichelt zu fühlen. Doch urplötzlich, im ersten Augenblick gar nicht wahrnehmbar, war da ein anderes Empfinden. Ein Gefühl von Kälte und ein Zittern. Woher kam das? Wohin ging es?

Eine große Welle brachte dieses eigenartige Etwas. Sie freute sich auf die Delphine, die Korallen, freute sich auf das Ufer, wo sie sich brechen konnte und wusste doch nicht, das sie auf ihrem langen Weg durch den Ozean menschengemachten Schmutz und Verderben aufgenommen hatte. Die Delphine flohen vor ihren Streicheleinheiten. Sie spürten die Gefahr dieser einen Welle. Verwundert ob dieser Ablehnung, langsam ausfließend, legte sie sich auf den Strand. Und da erst sah sie, was sie in sich verborgen hatte. Es tat ihr unsagbar leid, doch konnte sie doch nichts dafür. Sie war ja nur der Träger einer Last, welche ihr aufgebürdet worden war. Da in der Stunde, die sie voller Traurigkeit verharrte, erfuhr sie die tröstenden Streicheleinheiten des Windes. Er war es, welcher sie wieder aufrichtete, und gestärkt in die weiche Umarmung des Ozeans zurückbrachte. Und es geschah ein Wunder.

Mutter Natur, unsere Mutter Erde verwandelte Schmutz und Verderben, Traurigkeit und Last in und mit ihrer Stärke in Schönheit, Licht und Liebe. Dies alles sah der Wind und trug es mit sich fort, fort um mir von diesem Wunder zu erzählen. Etwas später, im milden Schein des Spätnachmittags verabschiedete er sich von mir. Er ging wie er gekommen war. Ganz leise, nicht plötzlich entfernte er sich, und nahm ein paar Träume von mir auf seine weitere Reise. Wird er irgendwann einmal jemanden von mir erzählen ? Wer ich bin – und von meinen Träumen berichten? …………..

Gastartikel von Angela Nagy, geschrieben am 13.September 2004 / Copyright: © Angela Nagy

Bilder: Gehvoran.com

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