Frau Holle – ein Wintermärchen?

25 Dez 2018 Von Kommentare: 5 Altes Wissen, Weisheiten

Frau Holle im Schnee

In vielen Städten wird derzeit das Märchen Frau Holle als Theaterstück für Kinder aufgeführt. Es passt so schön in diese Jahreszeit mit den als Schnee zur Erde sinkenden Bettfedern, die Goldmarie so kräftig und lustvoll aus den Betten schüttelt. Aber ist das wirklich alles? Kann es sein, dass dieses Märchen eine Aktualität enthält, die meistens vollständig übersehen wird? Eine Aktualität gerade deswegen, weil wir angesichts der gesellschaftlichen und politischen Vorgänge immer mehr Polarisierung und Spaltung in der Gesellschaft erleben? Ich meine Ja. Und ich will dies im Folgenden zeigen.

Polaritäten im Märchen

Nach meinem Verständnis zeigt es wunderbar zwei gesellschaftliche und zwei individuelle Pole, die wir alle kennen:

• einerseits das Mädchen, das sich die Anerkennung der Mutter verdienen muss und der Mehrzahl aller Menschen als Regierte entspricht,
• andererseits das Mädchen, das bedingungslose Zuwendung der Mutter erfährt und gemeinsam mit ihr Macht und Herrschaft repräsentiert.

Und es zeigt, welche Pole in jedem von uns immer wirken:

• das ichbezogene, auf äußeren Erfolg gerichtete Denken und
• das die Bedürfnisse der Seele und des Lebens wahrnehmende Fühlen.

Betrachten wir also gemeinsam das Märchen unter Berücksichtigung der Polarität. Von zwei Stiefschwestern ist die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Oberflächlich betrachtet, ist der Fleiß schön und wird reich mit Gold belohnt, während die Faulheit hässlich ist und mit Pech bestraft wird. Deutlich sind zwei Pole benannt, und auf den ersten Blick scheint die Entscheidung für den „guten“ Pol inneren und äußeren Reichtum im Leben zu bringen. Erst die genauere Betrachtung führt uns auf ihre tiefer liegende Bedeutung für die Handlungsmotive der Mädchen und zeigt uns, dass nur beide Pole gemeinsam das Leben reich werden lassen. Die Motive wirst Du wohl mindestens ansatzweise in Dir selbst entdecken.

• Die leibliche Tochter der Mutter wird durch deren bedingungslose Zuneigung verwöhnt und versorgt. Sie hat keinen Antrieb, etwas für ihr leibliches, seelisches und geistiges Wohl zu tun.

• Die Stiefschwester muss sich durch die Erfüllung verschiedenster Aufgaben die Zuneigung der Mutter verdienen. Also tut sie alles, was die Mutter von ihr verlangt ohne Rücksicht auf sich selbst. Die zerstochenen, blutenden Finger nimmt sie hin, nur um der Mutter alles recht zu machen.

Geheimnisvolle Frau in der NaturFunktionieren bis zum Umfallen

Viele von uns kennen das aus eigenem Erleben, weil sie sich selbst die Zuneigung mindestens eines Elternteils verdienen mussten. So von den eigenen Lebensbedürfnissen abgeschnitten, funktionieren, arbeiten und schuften wir als Erwachsene nicht nur, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern unbewusst auch, um die Anerkennung unserer Vorgesetzten, Auftraggeber, Ehepartner, Freunde und immer noch die unserer Eltern zu erhalten. Deshalb repräsentiert die Mutter der beiden Schwestern nicht nur einen auch heute noch überall anzutreffenden Muttertyp, sondern zugleich im weitesten Sinne die Führungskräfte der gegenwärtigen Gesellschaft.

Im weiteren Verlauf zeigt uns das Märchen, dass gerade in dieser Herausforderung der Mutter bzw. der Führungskräfte auch eine unglaubliche Chance steckt. So sehr ist die Stieftochter durch das lange Spinnen geschwächt, dass ihr die Spule in den Brunnen fällt. Genau das ist der Burnout, den heute viele Menschen erleben. Die Mutter, genauso wie die Gesellschaft, fordert trotzdem die Weiterarbeit und stürzt das Mädchen in eine existentielle Krise. Es will weiterhin funktionieren, kann es aber nicht mehr.

Begegnung mit dem Leben

So fällt es ungewollt voller Angst in ein Loch, in den Brunnen. Ihr schwindelt und sie verliert die Besinnung. Als sie aber aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, begegnet sie unmittelbar dem Leben und seiner Schönheit und ist ganz bei sich. Indem sie so bei sich ist, nimmt sie erstmals auch die Stimme ihrer Seele wahr, die mit allem verbunden ist. Sie hört also ihre eigene Seele, die ihr sagt, dass das Brot aus dem Ofen geholt werden muss und die Äpfel vom Baum geschüttelt werden müssen. So sehr ist sie von der Schönheit des Lebens gefangen, dass sie der inneren Stimme vertraut und tut, was diese ihr sagt.

Dieses Vertrauen gestattet ihr schließlich den direkten Kontakt zur Seele, die in Gestalt der Frau Holle auftritt. Marie ist erschreckt über Frau Holles große Zähne – ja, sie nimmt ihren eigenen „Biss“ wahr, hat Angst davor und möchte am liebsten wieder umkehren. Kein Wunder, hat sie doch bisher nur der Stiefmutter gehorcht und nie den Biss gehabt, ihr zu widersprechen. Aber die Seele spricht zu ihr und gibt ihr zu verstehen, dass es ihr gut gehen wird, wenn sie alle Arbeit im Hause ordentlich tun und vor allen Dingen das Bett gut aufschütteln wird. Sie soll also jetzt in ihrem eigenen Inneren aufräumen, Ordnung schaffen und die Seele gut betten. Dadurch kann diese Ruhe und Frieden finden, was durch den Schnee ausgedrückt wird, der ihre Innenwelt bedeckt. Goldmarie sorgt so einfühlsam für ihre Seele, dass diese sie nähren und kräftigen kann wie sonst nur „Gesottenes und Gebratenes“.

Bedürfnis nach Austausch

So gut ihr auch die innere Einkehr, das Verweilen bei sich selbst tut, so sehr sehnt sie sich in Gedanken doch wieder nach ihrem vertrauten menschlichen Umfeld, nach Kontakt zur Außenwelt. Und die Seele freut sich darüber, denn nur so kann der gewonnene Reichtum, die Stärke und der Frieden in die Welt gebracht werden. Beim Übergang von der Innenwelt in die Außenwelt wird dem Mädchen bewusst, welchen enormen Reichtum sie in sich trägt. So rein und klar ist sie innerlich, dass ihr gesamtes Seelenpotential, ihr innerer Reichtum, nach außen strahlt wie Gold. Nach der Ankunft in der realen Außenwelt ist die Verbindung zur Seele keineswegs abgerissen, sondern bleibt ihr auch im alltäglichen Leben bewusst. Deutlich wird das daran, dass sie das Krähen des Hahns als Willkommensgruß wahrnimmt.

Und ihre Wirkung nach außen ist so intensiv, dass die Stiefmutter ihren inneren Reichtum voller Neid spürt. Dieser Neid wird nun zum Motiv, die Tochter zu zwingen, sich ebenfalls auf den Weg zu Reichtum zu begeben. Erstmals ist Pechmarie gefordert, etwas für ihr Lebensglück zu tun.

Neid als Handlungsmotiv

Husky und junge Frau im WinterLeider ist sie so sehr vom Gedanken an materiellen Reichtum gefangen, dass sie glaubt, die Stiefschwester sei mit Gold für eine Dienstleistung belohnt worden. So sehen wir in ihr einen Menschen, dessen Bewusstsein nur vom Denken ausgefüllt ist, weil er keine Verbindung zur eigenen Seele hat. Sein Denken und Handeln orientiert sich allein an gesellschaftlichem und materiellem Erfolg. Voller Ungeduld und in Erwartung materiellen Goldes springt sie also in den Brunnen. Auch sie begegnet dem Leben und könnte ihr Innerstes wahrnehmen und kennen lernen. Sie hört zwar das Brot und den Apfelbaum rufen, erkennt dieses Rufen aber nicht als den Ruf der eigenen Seele und wendet sich ab. Weder empfindet sie Mitgefühl mit dem Brot und dem Baum noch Freude an der notwendigen Arbeit. Die Gedanken an ihr bisheriges Leben, in dem sie nichts für ihren Lebensunterhalt tun musste, lassen sie glauben, auch für das Gold nichts tun zu müssen. Ihre bisherige Lebenserfahrung hindert sie, den Stimmen und Frau Holle zu vertrauen.

Auch den Wunsch der Seele nach innerer Reinigung und Ordnung kann sie nicht wirklich verstehen. Statt sich vertrauensvoll dem Leben zu öffnen und so seine Vollkommenheit und Schönheit zu erkennen, lässt sie sich weiterhin von Gedanken an materiellen Reichtum treiben. Obwohl sie lieber schläft statt die Betten zu schütteln, findet sie weder Ruhe noch Frieden. Die Seele fühlt sich unerhört und entlässt das Mädchen wieder in die Außenwelt. In diesem Moment wird ihr der Mangel an Lebendigkeit und das Fehlen des inneren Lichts bewusst. Doch statt umzukehren, lässt ihr Verstand sie die Dunkelheit als Pech und etwas Fremdes wahrnehmen. Sie sieht sich als Opfer äußerer Umstände, nicht als Mensch, der sich weigert, der inneren Stimme und dem Fühlen zu vertrauen. Wegen ihrer Unfähigkeit oder Weigerung zu fühlen nimmt sie das Krähen des Hahns als Ablehnung wahr.

Denken und Fühlen

Stellt uns das Märchen nun vor die Entscheidung „fühlen oder denken“? Gewiss nicht. Wäre Goldmarie in ihre Gefühle versunken geblieben, wäre sie nicht zur Mutter und Schwester zurückgekehrt. Erst der Gedanke an zu Hause, an die Mutter und die Schwester ließ sie aufbrechen. Der Goldsegen kam erst, nachdem sie dem Denken wieder Raum gegeben hat. Aber sie hat die Bedürfnisse der Seele gespürt und hört weiterhin auf die innere Stimme, die nun dem Denken die Richtung weist und dem Leben Halt gibt.

Pechmarie dagegen hat sich dem lebendigen Fühlen versperrt. Die Gefühle der Schuld, des Versagens, der Unzulänglichkeit und eben des vom Pech verfolgt seins sind Folge ihres Denkens. Sie weisen sie immerfort darauf hin, endlich das Leben und seine Bedürfnisse zu spüren. Misserfolg, Armut, Not und alle Leiden erweisen sich letztlich immer als Folge mangelnden Kontakts zum Leben. Sie sind als Herausforderung des Lebens zu dessen Wahrnehmung und all seinen Regungen zu verstehen. Sie fordern uns auf, auch die Dinge zu sehen und anzuerkennen, die wir am liebsten nicht sehen wollen.

Da das Tor zum Leben und inneren Reichtum nie verschlossen ist, haben wir jedoch die Chance, wieder handlungsfähig zu werden. Wir müssen nur die aktuellen Lebensbedingungen als Folge der Vernachlässigung eigener Wesensanteile erkennen und akzeptieren. Dann können wir uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, in dem wir gelandet sind. Von außen betrachtet scheint es eine Vielzahl individueller Herausforderungen mit einer ebenso großen Zahl möglicher Antworten zu geben. Aber ein zentrales Thema ist in jeder Herausforderung enthalten: Wir müssen uns dem Leben zuwenden und ihm in Liebe begegnen. Nur so können wir die eigene Antwort auf unsere spezielle Lebensfrage finden.

Copyright: © Sigwart Zeidler

Bilder: Fotolia.com

Buch vom Autor Sigwart Zeidler

Befreiende Aussichten Sigwart Zeidler

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. 1
    Petra says:

    Wow, dieser Blickwinkel des Märchens ist für mich mehr als inspirierend – zumal ich eben genau diesen Aspekt des Fühlens und Vertrauen in das Leben die letzten Jahre selbst sehr intensiv erleben durfte und immer noch darf.
    Danke und noch eine ruhige Zeit. ;)

    LG

  2. 2
    Jürgen says:

    Und was nützt den Fleissigen, den Rechtschaffenen, ihre Nähe zur eigenen Seele? Sie werden ausgebeutet „bis auf´s Blut“! Man muß zur Kenntnis nehmen, die Reichen leben nicht von den Armen, sondern von den Fleissigen!

  3. 3
    Petra says:

    @Jürgen
    Und jetzt?
    Deine ErKenntnis in allen Ehren, aber was soll man damit anfangen?
    Jammernd und klagend daran festhalten?
    Bringt Dich das auch nur einen minimalen Schritt weiter?
    Solange Du im Kopf ein vermeintlicher Sklave der Reichen bist (und wie definierst Du übrigens bitteschön „reich“?), wird sich auch nichts für Dich verändern.
    Ich kann Dir hierzu den Youtuber Max Igan ans Herz legen. https://www.youtube.com/watch?v=FZOJeAoFWSc

  4. 4

    Lieber Jürgen, es nützt sehr viel. Weil erst der Kontakt zur eigenen Seele Dir die Freiheit gibt, Dich auch gegen Widerstände und auf die Gefahr hin, ausgestoßen, ausgeschlossen und nicht anerkannt zu werden, den Mut verleiht, Dich trotzdem aus der Abhängigkeit zu befreien.
    Denn eines ist klar, und das sollte auch die Betrachtung des Märchens deutlich machen: Die Fleißigen und Rechtschaffenen werden nur so weit ausgebeutet, wie sie es selbst zulassen.
    Und jetzt geht es darum, dazu will ich aufrufen, uns selbst zu befreien. Wir sollten gelernt haben, dass uns politische, religiöse und sonstige Führer niemals befreit haben, niemals befreien wollten und niemals befreien werden.
    Zum Schluss füge ich gern noch die folgenden Zeilen zur gegenseitigen Bedingtheit von Freiheit und Verbundenheit mit der Seele an:
    Freiheit und Verbundenheit sind für mich zwei Seiten einer Medaille, die sich gegenseitig bedingen und ermöglichen. Freiheit bedeutet für mich, frei zu sein von inneren Zwängen, Glaubenssätzen, Erwartungen, Dogmen, gesellschaftlichen Normen. Je freier ich in diesem Sinne bin, umso bewusster werde ich mir meines eigenen geistigen Grundes und der geistigen Wirklichkeit allen Seins und dadurch der Verbundenheit mit meiner Seele. Diese Verbundenheit stärkt meine Freiheit von äußeren Bedingungen und ermöglicht mir, meine Lebensaufgabe zu erkennen. So erhält die Freiheit eine Qualität, in der ich keine rationale Wahl mehr treffe, da die Seele gewissermaßen als Wegweiser zuverlässig weiß, wohin
    mein Weg geht, und ich es dank meiner Verbundenheit mit der Seele als Aufgabe fühle.

    Freiheit muss nicht etwas wählen und mit Entscheidungen sich quälen,
    weil sie nicht Idealen folgt, die vom Verstand nur sind gewollt,
    sondern aus Liebe das vollbringt, was ihr die Herzensstimme singt.
    Der Herzimpuls als Quell der Handlung führt sogleich zu deren Wandlung.
    Statt dir zum Vorteil nur zu geben, dienst Du dir und allem Leben,
    denn die Seelenintuition kennt die beste Lösung schon.

  5. 5
    Jürgen says:

    @Petra und Sigwart,
    es liegt mir fern zu „Jammern oder zu Klagen“. Es war lediglich eine Feststellung, nicht mehr und nicht weniger. :-)
    Fakt ist allerdings, daß die uns Ausbeutenden keinerlei Rücksicht darauf nehmen, wie nah oder fern der Einzelne seiner Seele oder seinem Selbst steht?
    Seele, Geist und Denken sollten im Einklang stehen. Man kann nicht den Focus auf nur eines legen wollen. Weil auch diese einander bedingen.
    Wohl wahr, wir müssen uns befreien. Aber, im „weltlichen“ Sinne bedarf es dazu wohl auch Herz und Hand! Intuition allein wird uns da nicht weiterhelfen! :-)
    Vielen Dank für Eure Antworten und liebe Grüße,
    Jürgen

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